Dresden: Im Osten viel Neues

Dresdens imposante Kulisse: Im Vordergrund ein Teil der Altstadt mit der Hochschule für Bildende Künste, auf dem anderen Elbufer die Neustadt.

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Dresdens imposante Kulisse: Im Vordergrund ein Teil der Altstadt mit der Hochschule für Bildende Künste, auf dem anderen Elbufer die Neustadt.

Dresdens imposante Kulisse: Im Vordergrund ein Teil der Altstadt mit der Hochschule für Bildende Künste, auf dem anderen Elbufer die Neustadt.

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Vor ungefähr einem Jahr bekam Boris Kögel, 40, in seinem Restaurant Besuch, der für ihn weitreichende Folgen haben sollte. Ganz genau lässt sich der Zeitpunkt nicht rekonstruieren, denn der oder die Unbekannte gab sich nicht zu erkennen, sondern schaute sich Kögels Restaurant nur genau an. Fest steht allerdings, dass die Person von dem, was sie sah, sehr angetan war. Kögel führt die «Lila Sosse» in der Dresdner Neustadt; es ist ein lässiges, bei Touristen und Einheimischen gleichermassen beliebtes Restaurant, dessen Spezialität die «neue deutsche Küche ist», wie Kögel es beschreibt. Auf der Speisekarte stehen zum Beispiel Fenchel-Gurkensalat mit gebeiztem Lachs oder gebratene Jakobsmuschel auf Süsskartoffel und Gremolata, Kögel hat grobe Bratwurst vom Duroc im Angebot und hausgemachte Spätzle mit Petersilienpesto und Bergkäse.

Nicht die Neuerfindung des Rads, aber alles gut gemacht, selbst die «New York Times» hat das Restaurant auf dem Radar. Im Januar bekam Boris Kögel eine Mail mit der Frage, ob er nicht eine Dependance seines Restaurants eröffnen wolle. Eins zu eins nachgebaut, mit dem gleichen Interieur, der gleichen Karte, dem gleichen Namen. Bezahlen müsse er dafür nichts, erst nach drei Jahren würde die erste kleine Pachtzahlung fällig. Ort dieses neuen Restaurants wäre allerdings in China. Denn dort, so liessen die Mailschreiber ihn wissen, werde eine künstliche Insel mit Platz für 250'000 Menschen aufgeschüttet. Gern würde man ihn einladen, einmal dorthin zu kommen. Absender: einer der weltgrössten Immobilienentwickler Chinas, die Evergrande Group.

Es hat nicht viel gefehlt, und die «neue deutsche Küche» aus dem Restaurant «Lila Sosse» würde es demnächst auch auf einer chinesischen Insel geben.

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Kögel liess sich einfliegen, verbrachte eine Woche dort und war schwer beeindruckt. Am Ende sagte er doch ab. Nach vielen Jahren auf der Reise, nach Stationen bei Sternerestaurants im In- und Ausland ist er in Dresden heimisch geworden. «Ich hätte das wuppen können, und natürlich wäre das lukrativ», meint Kögel. «Aber Geld ist nicht alles.» Die Episode ist dennoch bemerkenswert. Denn in der östlichsten Grossstadt Deutschlands hat sich, zu grossen Teilen unbemerkt von vielen Westdeutschen, eine vitale Szene entwickelt, die jedes Jahr mehr und mehr Besucher aus dem Ausland anlockt – im vergangenen Jahr knackte die Stadt mit 4,6 Millionen Übernachtungen einen Rekord.

Willkommen im Elbland

Längst schauen die Touristen sich nicht mehr bloss Dresden an, das mit seiner Mischung aus prunkvoller Altstadt und quirligen Szenebezirken eine grosse Bandbreite abdeckt. Das gesamte Elbland, wie findige Marketing-Leute die Region entlang der Elbe zwischen Pirna und Torgau genannt haben, weckt das Interesse. Zu den schönsten Ausflugszielen ausserhalb der Stadt zählt zweifellos das Weingut Schloss Wackerbarth in Radebeul, Dresdens noblem Vorort. 190'000 Besucher kommen hier jährlich vorbei.

Sie bewundern zum Beispiel das Belvedere, den wohl schönsten Arbeitsplatz eines Weinguts in Deutschland. Bekannt ist Schloss Wackerbarth zum einen für seine Sekte, die aus Burgundersorten cuvetiert werden. Kenner schätzen insbesondere die edelsüssen Weine aus der Rieslingtraube, die in Falstaff-Weinverkostungen regelmässig mit hohen Punktzahlen hervorstechen. Wie ein Sprung in der Zeit fühlt es sich an, wenn man aus den historischen Gemäuern wieder ins Stadtzentrum fährt, zur Gläsernen Manufaktur von Volkswagen, wo der E-Golf produziert wird. Im dazugehörigen Edelbistro «e-Vitrum» führt Dresdens Gastronomie-Urgestein Mario Pattis das Kommando.

Einen anderen Veteranen findet man zwischen Frauenkirche und Zwinger, im «Taschenbergpalais», einem der besten Hotels am Platz. Hier kommt man nicht vorbei an Gastronom Gerd Kastenmeier, einem gebürtigen Niederbayern, der vor knapp 25 Jahren nach Dresden kam und wie so viele andere Wessis nicht mehr wegging. Kastenmeier, ein Kerl wie ein Baum, hat sich mit seinem hemdsärmeligen Charme viele Freunde gemacht – er war sogar schon im «Tatort» zu sehen. Auf 70 Prozent schätzt er seinen Stammkundenanteil in seinem Fischrestaurant, das seit ein paar Monaten im «Taschenbergpalais» residiert. «Denen musste ich versprechen, dass ich auch im neuen Restaurant weiterhin Wiener Schnitzel und Kaiserschmarrn anbiete», sagt Kastenmeier.

Vor Kurzem eröffnete er im Hotel eine Bar, in der er Sushi, Champagner und Austern kombiniert. Allein vier verschiedene Austernarten stehen mindestens auf der Karte (Probiertipp: die Tsarskaya), je nach Saison sogar noch mehr, dazu kommt eine gute Auswahl an Sushi aus Meisterhand sowie Taittinger-Champagner.

Jenseits des perlenden Luxus, nach einem Sprung über die Elbe, finden sich in der Stadt aber auch Restaurants und Bars, die sich mit hochwertigen Zutaten und ohne viel Chichi an eine junge, genussaffine Zielgruppe richten. Etwa im «Sprout», wo Quereinsteigerin Luise Koenitz vegetarische und vegane Küche anbietet. Nicht wegzudenken sind in der Neustadt auch die Weinbars, die von Gastronomie-Veteranen geführt werden. Die «Weinzentrale» unter der kundigen Leitung von Jens Pietzonka hat seit ihrer Eröffnung im Jahr 2015 einen festen Kundenstamm erobert. In lässiger Atmosphäre bekommt man hier Weine von lokalen Grössen genauso wie die grosse Weinwelt aus Frankreich oder Spanien kundig, aber ohne Erziehungsmission erklärt.

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Craft-Bier-Fans haben in Dresden zwar nicht ganz so viel Auswahl. Aber die im vergangenen Jahr eröffnete «BraufactuM»-Filiale inmitten der Altstadt hat 32 Zapfhähne, aus denen 16 verschiedene Biere fliessen. Wem der Kopf schwirrt angesichts dieser Vielfalt, sollte sich in die Strassenbahn mit der Nummer 41 setzen und nach Osten fahren, ins Villenviertel Weisser Hirsch. Wer bei Stefan Hermann einkehrt, egal ob im Bistro «Hirsch32» oder im Sternerestaurant «bean&beluga»*, kann sich bei exquisiter Küche ausruhen vom Trubel. Und dann überlegen, wie er die weiteren Stunden in einer von Deutschlands schönsten Regionen verbringt.

*Anm. der Redaktion: Wie erst nach Redaktionsschluss des Print-Hefts bekannt wurde, schliesst Stefan Hermann das «bean&beluga» zum Jahresende. Aktuelle Informationen finden Sie hier.

Aus dem Falstaff Magazin Deutschland Nr. 6/2019

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