Die Sieger der Pinot Noir Trophy Schweiz 2020

Unverkennbar: reife Blauburgunder-Trauben kurz vor der Ernte. Keine Traubensorte ist in der Schweiz häufiger anzutreffen.

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Pinot Noir

Unverkennbar: reife Blauburgunder-Trauben kurz vor der Ernte. Keine Traubensorte ist in der Schweiz häufiger anzutreffen.

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http://www.falstaff.ch/nd/die-sieger-der-pinot-noir-trophy-schweiz-2020/ Die Sieger der Pinot Noir Trophy Schweiz 2020 Pinot Noir ist die wichtigste Traubensorte der Schweiz. Sie findet viele Terroirs, die der Traube zu wahrer Exzellenz verhelfen. Die Resultate der Falstaff Pinot Noir Trophy beweisen das eindrücklich. http://www.falstaff.ch/fileadmin/_processed_/b/2/csm_pinot-noir-c-shutterstock-2640_a51f0293ca.jpg

Pinot Noir ist die mit Abstand wichtigste Traubensorte der Schweiz. 3949 Hektaren waren im Jahr 2019 mit der Sorte bestockt. Das Erfolgsgeheimnis der Rebe in der Schweiz ist, dass sie nicht auf bestimmte Regionen beschränkt angebaut wird, sondern in allen Anbauregionen eine Rolle spielt. Ganz im Gegenteil zu der am zweithäufigsten angebauten Rebsorte, der weissen Chasselas-Traube, deren Anbau sich vor allem auf die Romandie und das Wallis konzentriert.

88 Weine wurden zur Pinot Trophy 2020 eingereicht, wobei über ein Drittel der Weine eine Bewertung von 90 Punkten und mehr erreichte. Die Zeit, als in der Schweiz aus Pinot Noir, den man auch gerne als Blauburgunder betitelt, nur einfache Landweine hergestellt wurden, ist lange vorbei. 

Die Schweiz ist exzellentes Pinot-Noir-Terroir, und das nicht erst seit gestern. Die Traubensorte stammt aus dem französischen Burgund. 1283 fand sie in Frankreich erstmals Erwähnung. In die Schweiz kam sie vermutlich auf verschiedenen Wegen. Einer der ältesten Nachweise für ihre Einfuhr stammt aus Graubünden. Während des Dreissigjährigen Krieges soll Herzog Henri II. de Rohan die Burgunderrebe in die Region gebracht haben, genauer zwischen den Jahren 1630 und 1635. In der Westschweiz hingegen geht man davon aus, dass die Sorte bereits im 15. Jahrhundert im Waadtland unter dem Namen Servagnin bekannt war. 1776 tauchte sie erstmals unter der lokalen Bezeichnung Cortaillod in Neuenburg auf, von wo sie die gesamte Region und die Alpentäler besiedelte.

Im Wallis, wo die Sorte absoluter Platzhirsch ist, wurde sie rund 100 Jahre lang unter dem Namen Dôle angebaut und verkauft. Ab 1848 wurde der Name Pinot Noir gebräuchlich, und aus dem erwähnten Dôle wurde die heute bekannte Assemblage mit Gamay, der heute die am dritthäufigsten angebaute Traubensorte der Schweiz ist. Grundsätzlich bringt Pinot Noir in allen Anbaugebieten der Schweiz Erstklassiges hervor, abgesehen vom Tessin, wo die Sorte eine Rarität ist und die besten Rotweine aus Merlot hergestellt werden.

Trophy-Sieger ist diesmal ein Walliser. Den Pinot Noir «L’Enfer du Calcaire» 2016 vom Weingut Histoire d’Enfer aus Salgesch bewerteten die Verkoster mit sagenhaften 96 von 100 Punkten. Ein edler, eleganter Wein von grosser Frische mit präziser Säure und sehr ausgewogenem, langem Nachhall. Während es in weiten Teilen des Wallis heute für den Pinot Noir fast zu warm ist und daher viele Weine etwas überreif oder gar gekocht daherkommen, zeigt das Weingut Histoire d’Enfer, dass es eben auch anders geht. Geschuldet ist dies in erster Linie den einzigartigen Lagen des Guts. Die Trauben für den verkosteten «L’Enfer du Calcaire» wachsen auf drei Höhenlagen oberhalb von Salgesch. Diese werden biodynamisch bewirtschaftet, verarbeitet werden ausschliesslich die besten Trauben. Die Erträge werden extrem klein gehalten.

Doch nicht nur die Lagen und der Anbau, auch die Machart der Weine von Histoire d’Enfer ist einzigartig. Das Mini­weingut wurde im Jahr 2007 von drei Weinfanatikern rund um den Arzt und Wein-Autodidakten Dr. Regamey gegründet. Inspiriert sind er und seine Freunde – wie fast alle Pinot-Macher – von den Grands Crus aus dem Burgund. Sie streben also nach Finesse, natürlichem Ausdruck der Lagen, nach Eleganz und in keiner Weise nach Zuckerkonzentration oder überbordender Reife. Die Trauben werden vor der Verarbeitung penibel selektioniert. Nur das allerbeste Traubengut wird schonend weiterverarbeitet, wobei Ganztraubengärung eine entscheidende Rolle spielt, ebenso wie die Reifung in erstklassigem Holz. Dr. Regamey schwört auf die Fässer der Tonnellerie Taransaud, die seit dem Jahr 2000 auch eine Küferei in Beaune im Burgund betreibt. Als Burgund der Schweiz gilt das Wallis allerdings nicht. Oder erst, seit der Genfer Dr. Regamey dort tätig ist. 

Wenn Landstriche so betitelt werden, dann entweder die Bündner Herrschaft oder die Region Neuenburg. Bei der Falstaff Trophy verpasste der beste Bündner knapp einen Platz auf dem Podest – auf dem vierten Platz befindet sich der Blauburgunder Reserva vom Weingut Wegelin. Der Kanton Neuenburg schaffte es auf den zweiten Platz – mit dem «Pur Sang» 2016 der Domaine de Chambleau. Das Schlösschen oberhalb von Colombier liegt inmitten von flach zum Neuenburgersee abfallenden Rebbergen. Seit 1950 befindet es sich in Besitz von Familie Burgat, doch erst seit 15 Jahren werden die Trauben nicht mehr verkauft, sondern eigene Weine gekeltert. Verantwortlich dafür ist Louis-Philippe Burgat, Enkel des ersten Besitzers. Er ist nicht nur Liebhaber des Pinot Noir, sondern auch ein Könner. Das beweist er mit seinem Spitzenwein «Pur Sang» Jahr für Jahr eindrücklich. Der Wein ist Teil der Mémoire des Vins Suisses und tritt als solcher immer wieder bei Reifeprüfungen an. Diese besteht er mit Bravour.

Wie die Lagen des erstplatzierten Wallisers sind auch die Reben der Domaine de Chambleau von Kalkstein geprägt. Nicht wenige sagen, dass die Weine der Region viele Parallelen zu Burgundern zeigen, was mitunter sicher daran liegen mag. Nur 250 bis 300 Gramm erntet Burgat für seinen «Pur Sang» pro Quadratmeter – ein sensationell tiefer Wert. Die Trauben werden sorgfältig selektioniert, behutsam vinifiziert und anschliessend bis zu zwei Jahren in neuen Barriques ausgebaut. Der 2016er überzeugt mit seinem feinen, dezenten Bukett mit Röstaromen, Sauerkirsche und Grafit, seiner sanften, puren und absolut ungekünstelten Art sowie seinem langen, mineralischen Abgang. Weingüter wie Histoire d’Enfer oder Domaine de Chambleau, die nach kompromissloser Qualität streben, verhelfen dem Schweizer Pinot Noir international zu Anerkennung. 

Die Produktion von Spitzenweinen aus der Sorte Pinot Noir verlangt geradezu nach dieser Haltung. Denn sie gehört nicht nur zu den edelsten Reben der Welt, sondern vielleicht auch zu den anspruchsvollsten, was An- und Ausbau betrifft. Insofern überrascht es nicht, dass die Rebfläche der Sorte in der Schweiz seit Jahren rückläufig ist. Von 2018 bis 2019 gingen laut Bundesamt für Landwirtschaft 37 Hektaren verloren, meist zugunsten von interspezifischen PiWi-Sorten, Reben also, die weniger anfällig für Pilzkrankheiten sind, aber in puncto Qualität mit einem erstklassigen Pinot Noir so schnell nicht mithalten können. Vielerorts ist also eine Qualitätssteigerung und gleichzeitig eine Quantitätsminderung beim Pinot Noir zu verzeichnen. Sicher keine schlechte Entwicklung für den Schweizer Wein.

Der Kanton Thurgau steht exemplarisch für diese Tendenzen. Die neuen Sorten finden bei den Traubenanbauern der Region grossen Anklang, zumal der Krankheitsdruck in dem milden Landstrich durchaus hoch ist. Für das Schlossgut Bachtobel sind PiWi-Sorten keine Option. Der drittplatzierte Wein bei der Pinot Noir Trophy ist der «N° 4» ebendieses Weinguts. Rund 80 Prozent der Rebbergfläche von Bachtobel sind mit Pinot Noir der verschiedensten Spielarten bestockt, darunter ein eigener «Bachtobel-Klon», der von Hans Ulrich Kesselring selektioniert wurde, dem Grossvater des heutigen Besitzers und Schlossherrn Johannes Meier.

Damit allerdings hat der «N° 4» nichts zu tun. Viel eher ist dieser Wein, der seit dem Jahrgang 2011 produziert wird, eine Hommage an das Burgund. Verwendet werden Trauben der ältesten Burgunder-Klone des Guts, Reben also, die aus dem Burgund stammen. Vergoren wird der Wein in grossen, offenen Holzstanden, es werden bis zu zehn Prozent Ganztrauben beigegeben. Die Reifung erfolgt während 12 Monaten in ausgesuchten neuen Barriques und danach vier Monate im Stahltank. Ein Wein mit einem würzigen und kühlen Bukett, von grosser Eleganz und natürlicher Konzentration am Gaumen. Ein Wein, der jetzt schon zeigt, was er kann, aber noch viel besser schmecken wird, wenn er einige Jahre im Keller verbracht hat. Ganz wie ein grosser Burgunder, nur eben mit eigenem, Schweizer Ausdruck.

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Falstaff Nr. 08/2020
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