Die Scheurebe: ein kostbarer Geheimtipp

Scheureben-Idylle in besten Lagen.

Foto beigestellt

Scheureben-Idylle in besten Lagen.

Scheureben-Idylle in besten Lagen.

Foto beigestellt

«Damals war ich ein junger Bursch», sagt Werner Emmerich aus Iphofen am Steigerwald. Er meint das Jahr 1972, als ihn sein Vater zum Rebenpflanzen in den Iphöfer Kronsberg schickte – in den Weinberg, den der Familienbetrieb damals als ersten mit Scheurebe bestockt hat. «Die hat uns schon damals gut gefallen, sie passt in unser Klima und zu unserem Keuperboden. Und es war uns auch damals schon wichtig, eine Ergänzung zu Silvaner und Riesling zu haben. Aber als junger Bursch», Emmerich scheint bei der Erinnerung still in sich hineinzulächeln, «pflanzt man nicht so gerne im Steilhang; Löcher hacken in der prallen Sonne… Da sagte mein Vater: Du wirst später noch davon profitieren! Und recht hat er gehabt.» 

Und wie er recht gehabt hat. Denn in der Falstaff-Blindprobe gelangten gleich zwei trocken ausgebaute Emmerich-Scheureben in die Auswahl der besten neun Weine. Ein seidiger, subtil mineralischer Kronsberg Kabinett aus dem Jahrgang 2015 und eine noch nachgerade jugendlich-verschlossene, extraktreiche 2014er-Spätlese aus dem Julius-Echter-Berg. Auch Tobias Weickert vom Zehnthof Weickert in Sommerach gelang es, zwei Weine in die «Best of»-Auswahl zu bekommen – und das sogar ganz nach vorne.
Hier geht es zum kompletten Tasting!

Feingefühl
Die beiden trockenen Spätlesen aus den Lagen Volkacher Kirchberg und Sommeracher Katzenkopf zeigen zum einen, wie deutlich die Scheurebe-Lagenunterschiede sein können. Zum anderen beeindruckt an Weickerts Weinen, mit welchem Feingefühl sie die Aromafülle der spät gelesenen Trauben ausreizen, ohne dass die Weine plump oder aufdringlich sind.

«Man musste im Herbst 2015 ganz schön auf die Tube treten», kommentiert Weickert den jüngsten Jahrgang. «Wir gehören oft zu den Letzten, die lesen. Fünf bis zehn Prozent Edelfäule habe ich manchmal ganz gerne mit dabei.» Aber im warmen Jahr 2015 galt es, eine extreme Hoch- und Überreife-Aromatik zu vermeiden; und mit seinem Leseregime scheint Weickert das ideal gelungen zu sein. «Zwei bis drei Lesedurchgänge, jedes Jahr dieselben Lesehelfer», umreisst der 37-Jährige das Erfolgsrezept. 

Die ganze Familie packt an auf dem Weingut Emmerich.

Die ganze Familie packt an auf dem Weingut Emmerich.

© Pia Simon

20 Prozent Flächenanteil

Dabei ist die Scheurebe für diesen Betrieb kein Nebenprodukt: Fast zwanzig Prozent beträgt der Flächenanteil im 6-Hektar-Weingut. «Wir haben keinen Sauvignon Blanc», stichelt Tobias Weickert in Richtung gegenwärtige Modesorte. «Uns macht die Scheurebe sehr viel Spass, die hat Frische und Säure.»

Und die 1916 von Georg Scheu aus Riesling und Buketttraube gekreuzte Züchtung passt perfekt zu dem Schwerpunkt, den Weickert für sein Weingut pflegt: den Anbau aromaintensiver Sorten – auch in Sachen Kerner und Traminer hat sich der Sommeracher Winzer einen Namen gemacht. Spezialisierung scheint einer des wesentlichen Faktoren zu sein, will man aus der Scheurebe mehr als nur einfache Zechweine bereiten. 

Scheurebe: mittelgrosse, dicht mit Beeren besetzte Traube.

Scheurebe: mittelgrosse, dicht mit Beeren besetzte Traube.

© Shutterstock

Der richtige Lesezeitpunkt

Das betont auch Horst Sauer, dessen fruchtige Spätlese bei den separat ausgewerteten Weinen bis 25 Gramm Restsüsse den ersten Platz belegte: « Bei der Scheurebe ist es ganz wichtig, dass man einen klaren stilistischen Plan hat. Will ich in die aromatisch ›grüne‹ oder in die ›gelbe‹ Richtung? Und dann muss man das präzise umsetzen: Denn die Scheurebe ist zwar bis zum Beginn der Reife recht pflegeleicht, sie wächst ganz grazil nach oben und erleichtert dem Winzer die Laubarbeit. Aber ab August heisst es extrem vorsichtig sein, man muss genau den richtigen Lesezeitpunkt treffen. Sie verzeiht es nicht, wenn man auch nur drei, vier Tage mit der Lese zu spät kommt.»

«Von unserer fruchtigen Scheurebe verkaufen wir einiges nach Japan, weil die Kombination mit japanischer Küche so gut passt.»

Horst Sauer, Star-Winzer aus Escherndorf

Weine wie Sauers Spätlese zeigen mit ihrem Süsse-Säure-Spiel die Riesling-Gene der Scheurebe, und wenngleich sie vielleicht nicht ganz die aromatische Noblesse des Riesling erreichen, so macht sie ihre Gaumenstruktur doch zu idealen Essensbegleitern: »Das passt supergut zu Schärfe, zu koreanischer oder japanischer Küche«, betont Sauer. «Von unserer Scheurebe verkaufen wir einiges nach Japan, weil die Kombination so gut passt.»

Wo sich die Scheurebe und der Riesling wohlfühlen

Und auch bei Sauer ist die Scheurebe kein Nebenprodukt: Die Trauben für die im Falstaff-Test erfolgreiche Spätlese wachsen in einer der besten Parzellen des Escherndorfer Lump: eigentlich in einer «Großen Lage». Ohne dass das jedoch auf dem Etikett aufscheinen dürfte, denn die Scheurebe zählt gemäß der Verbandspolitik des VDP nicht zu den klassischen Sorten, denen alleine «Große Lagen» vorbehalten sind. Auch der einzige nicht-fränkische Wein in der «Best of»-Auswahl wächst in einer Großen-Gewächs-Lage, ist aber als «Erste Lage» etikettiert: der Durbacher Plauelrain von Andreas Laible aus der Ortenau im nördlichen Baden. Wie in Escherndorf oder Iphofen gilt auch in Durbach: Wo sich der Riesling wohlfühlt, da hat auch die Scheurebe ihren Platz.

Doch weil von den rund 1400 Hektar Scheurebe, die in deutschen Weinbergen wachsen, nur der kleinste Teil in wirklich guten Lagen steht, muss die Sorte immer wieder gegen Vorurteile kämpfen. «Wir haben in Iphofen viele Gäste aus ganz Deutschland», erzählt Werner Emmerich. «Wenn man da eine Scheurebe anbietet, wehren die meisten erstmal ab. Aber wenn sie dann doch einen Schluck probieren, sind sie begeistert. Und sagen: So was hab’ ich ja noch nie probiert.»

Der Scheu in der Scheurebe

Die Nachrufe auf Georg Scheu, verstorben am 2. November 1949 im Alter von siebzig Jahren, galten einem Mann, dessen Leben ein «Kampf» gewesen ist. Doch wogegen – oder wofür? 

Seit seiner Berufung zum Leiter der Rebenzüchtung im rheinhessischen Alzey im Jahr 1916 hatte sich Scheu gegen den Niedergang des Weinbaus in Rheinhessen gestemmt, der im Zuge der Reblauskrise und der wirtschaftlichen Verwerfungen der Nachkriegszeit fast unaufhaltsam schien. Von dem gewohnheitsmäSSigen Widerstand der Winzerschaft gegen jede Neuerung lieSS sich der gebürtige Krefelder nicht beirren. Bis zu seinem Tod versuchte er, «seinen Winzern» die Segnungen des «neuzeitlichen Weinbaus» nahezubringen: Auswahl der richtigen, an den jeweiligen Standort angepassten Rebsorten; Auspflanzung nur von gesunden und auf höhere Erträge selektionierter Reben; dazu Düngung, Rebschnitt und Schädlingsbekämpfung nach dem Stand der Wissenschaft. 

Dann, aber auch nur dann, sei der deutsche Weinbau aus sich heraus lebensfähig und brauche nicht einmal die Unterstützung durch den Staat. Niedergelegt hat Scheu die Quintessenz seiner Erfahrungen als Wissenschaftler und Praktiker in einem Buch. Im Jahr 1936 erschien «Mein Winzerbuch» in erster, 1950, wenige Monate nach seinem Tod, in zweiter Auflage. -

Der Sache nach geändert hatte sich nicht viel, aber die Zeiten waren über allerlei völkisches -Ideengut hinweggegangen. 

Scheu schloss sich der NSDAP schon am -1. Mai 1933 an, wenige Wochen nach der Machtübernahme der Nazis. Sein Dienstvorgesetzter, der hessisch-nassauische Landesbauernführer Richard Wagner (1902–1973), beurteilte den Weinbauinspektor später als «aufrecht, offen, aufopfernd im Dienst des rheinhessischen Weinbaus», aber auch als »politisch unbedingt zuverlässig»«Der Altmeister des deutschen Weinbaus» dankte es ihm. Die vielversprechendste unter seinen vielen Neuzüchtungen nannte Scheu höchstselbst «Dr.-Wagner-Rebe». 

Im Volksmund setzte sich diese Bezeichnung dennoch nicht durch. Hans Breider, für kurze Zeit Scheus Nachfolger als Leiter der Rebenzüchtung in Alzey, schlug 1947 vor, die Rebsorte so zu nennen, wie sie die Winzer schon immer bezeichnet hätten: Scheurebe. So sollte es kommen, wenngleich nur in Deutschland. In Österreich und der Schweiz heiSSt sie noch immer so prosaisch, wie sie aus den Züchtungsversuchen hervorgegangen war: Sämling 88.

Autor: Daniel Deckers, lehrte Geschichte des Weinbaus und Weinhandels an der Hochschule Geisenheim University.

(aus dem Falstaff Magazin 05/2016)

Mehr zum Thema

News

Wein und Genuss – Wohin am Wochenende?

Winzerfest Trüelete in Twann, Trüffelmarkt von Bonvillars, Pop-up Bierfestival in Zürich und viele weitere genussvolle Eventtipps.

News

Celliers de Sion: Der erste Weinpark der Schweiz

FOTOS: Der Gewinner des Schweizer Weintourismuspreises, der Weinpark «Celliers de Sion» befindet sich in Sitten im Wallis.

News

Basler Wein- und Feinmesse – Hot Spot für Geniesser

Vom 27. Oktober bis 4. November steht Basel ganz im Zeichen des Genusses.

Advertorial
News

65. Expovina am Zürcher Bürkliplatz

Verkosten Sie mehr als 4'000 Weine auf zwölf Schiffen bei der Zürcher Wein-Messe vom 1. bis 15. November am Bürkliplatz.

Advertorial
News

Weindegustation: In 250 Weinen um die Welt

Bei der Mövenpick Weinmesse in Zürich können Weine von mehr als 40 Winzern aus beinahe allen Regionen der Welt verkostet werden.

News

Ein italienischer Trend erobert die Welt: Amarone Mio!

Amarone, Ripasso und Co.: Weine aus getrockneten Trauben sind nicht nur beliebt, es gibt sie auch immer häufiger aus Schweizer Produktion.

News

Montecucco: Die Brunello Alternative?

In der südlichen Toskana befindet sich mit dem Montecucco ein bislang wenig beachtetes Gebiet mit viel Potenzial.

News

Weinfeste – Wohin am Wochenende?

Weinlesefest in Cheyres, Twanner Räbebeizli, Trottenfest in Osterfingen und viele weitere genussvolle Eventtipps.

News

Tenuta Luce: Eröffnung des neuen Weinkellers

Der neue Weinkeller von Luce della Vite in Montalcino öffnet seine Tore für geführte Besichtigungen und Verkostungen.

News

Gewinnspiel: Mit WeinOnkel auf Weinreise gehen

In der Schuler St. Jakobskellerei dürfen Kunden nicht nur bei der Herstellung des Weins mitreden, WeinOnkel verlost zudem eine Weinreise.

Advertorial
News

Mit 40 Winzern um die Welt

Auf der Mövenpick Weinmesse erwarten Sie über 40 Winzer aus fast allen Anbauregionen der Welt. Sie haben die Möglichkeit eine Reise um die Welt in...

Advertorial
News

Top 10: Cocktails mit Champagner

Champagner ist bereits pur ein exklusiver Genuss. Im Drink sorgt er für Eleganz und das besondere Etwas. Hier unsere Favoriten.

News

Weinfeste – Wohin am Wochenende?

Weinfeste in Nyon und Döttingen, Twanner Räbebeizli, Wilchinger Herbstsonntage und viele weitere genussvolle Eventtipps.

News

Riegger-Fest Herbst: Ein Must für Weinliebhaber

Am letzten Wochenende im Oktober findet das Riegger-Fest Herbst in Birrhard statt mit der Möglichkeit mehr als 60 verschiedene Weine zu verkosten.

Advertorial
News

Naturweine: Die Ruhe nach dem Sturm

Natur, Orange, Amphore: Alternativ produzierte Weine boomen. Auch in den deutschsprachigen Ländern setzen immer mehr gestandene Winzer auf die «neuen»...

News

Weinfeste – Wohin am Wochenende?

Läset-Sunntige in Erlach und Ligerz, Sauserbummel Küttigen, Wilchinger Herbstsonntage und viele weitere genussvolle Eventtipps.

News

Interview mit Globalwine-Chef Philipp Reher

Der CEO von Globalwine sprach mit Falstaff über Weintrends, den Schweizer Weinmarkt und welchen Wein man zumindest einmal im Leben probiert haben...

News

Die Sieger der Falstaff Soave Trophy 2018

Der Tenuta di Corte Ciacobbe – Soave Superiore Vigneto Runcata der Familie Dal Cero belegt Platz eins und holt sich die Soave Throphy 2018.

News

Was ist dran an der Histamin-Hysterie?

Übelkeit, Migräne, rinnender Nase und Hautrötungen – Das Spektrum der Symptome einer Histaminintoleranz ist breit. Doch was ist dran am Histamin?

News

Sommelier-Battle: Das beste Wine-Food-Pairing

Bindella sucht per Gästevoting die besten Sommeliers der Schweiz. Nominieren Sie Ihren Lieblings-Sommelier!