Der Wert des Wassers

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Eine perfekt erhaltene Tonflasche voller Selterswasser, intakt verkorkt, gut 200 Jahre alt, entdeckt in einem Schiffswrack auf dem Grund der Danzinger Bucht – dieser Fund erzählt wie kaum ein anderer vom frühen, fast globalen Erfolg einer ungemein einprägsamen Mineralwassermarke, die zum Gattungsnamen wurde: «Acqua di Seltz, l’eau de Seltz».

Bereits 772 wurde das kleine Niederselters im deutschen Taunus als «Saltrissa» erwähnt. Im 16. Jahrhundert rühmte der Wormser Arzt Jakob Theodor die überaus heilende Wirkung dieses stark salzhaltigen Mineralwassers, des «Sauerborns». Es helfe gegen «Schwindel und Melancholey», löse «Verstopfung» der Leber, Brust, Lungen und Nieren und «vermehre den männlichen Samen». Das war die Lizenz zum Gelddrucken. Niederselters wurde fortan von Kurgästen überschwemmt, und sein Heilwasser im Tonkrug zum Exporthit. Um 1750 machte der Ort damit ein jährliches Vermögen von 50.000 Gulden.

Bei Gerolsteiner werden 3,5 Millionen Flaschen in 24 Stunden abgefüllt.

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Die «Big Player»

Um 1850 hatte das Selterswasser die feine Gesellschaft in London, Paris, Venedig, St. Petersburg und New York erobert. Mit dem Erfolg kam die Konkurrenz. Brunnen aus Apollinaris, Rhens, Oberselters oder Tönisstein füllten ihr Nass aber gleich in industriell gefertigte Glasflaschen ab und gruben so dem Original das Wasser ab. Nach dem Ersten Weltkrieg versank die Quelle aus Niederselters in Bedeutungslosigkeit. Mit dem Selterswasser ist aus einem ganz gewöhnlichen Rohstoff, wie es billiger keinen gibt, erstmals ein extrem begehrter Markenartikel geworden, der die üppigsten Margen abwirft.

Heute ist dieses Geschäft mit in Flaschen abgefüllten und auf jeden lokalen Geschmack massgeschneiderten Mineralwassern, egal, ob still oder prickelnd, bis ins kleinste Detail durchgetaktet und auf jährlich knapp 240 Milliarden Liter «bottled water» angewachsen (2015). Das entspricht einem Marktvolumen von etwa 380 Milliarden Dollar, das – zumindest im Westen – ganz grob zu 60 Prozent über den Einzelhandel und zu 40 Prozent über die Gastronomie erzielt wird.

Mehr als ein Drittel davon teilen sich vier grosse Weltkonzerne. Ganz vorne liegt der Schweizer Lebensmittelgigant Nestlé, der allein von seiner Spitzenmarke «Pure Life», die Nummer eins in den USA, jedes Jahr fast neun Milliarden Liter absetzt. Mit über 60 weiteren Mineralwasser-Brands wie etwa «Perrier» in Frankreich oder «S.Pellegrino» in Deutschland kommt Nestlé auf zirka
13 Prozent Marktanteil und einen Umsatz von beinahe 50 Milliarden Dollar. Dicht auf den Fersen sind ihm die beiden US-Getränkemultis Coca-Cola (knapp 10,5 Prozent) und PepsiCo (knapp vier Prozent).

Coca-Cola bringt es vor allem mit seinen Spitzenmarken «Apollinaris» und «Bonaqua» und in der Schweiz mit «Valserwasser» auf etwa 40 Milliarden Dollar Einnahmen, während sein US-Erzkonkurrent PepsiCo auf dem amerikanischen Markt mit «H2OH» die Nase vorn hat, aber dennoch etwas hinter dem Marktanteil des französischen Joghurt-Riesen Danone (rund 6,5 Prozent) hinterherhinkt, der mit seiner bekanntesten Brand «Evian» und sieben weiteren Marken auf knapp 25 Milliarden Dollar Umsatz kommt.

Bereits 1908 wurde  S.Pellegrino weltweit  vertrieben.

Bereits 1908 wurde S.Pellegrino weltweit vertrieben.

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Um den Restmarkt kämpfen Hunderte kleinere, regionale Marken. In Deutschland, wo pro Kopf jährlich 149 Liter Mineralwasser getrunken werden, sind das etwa «Gerolsteiner», «Rheinfels Quelle» oder «Franken Brunnen».

In Österreich werden jedes Jahr etwa 720 Millionen Liter getrunken, also 94 Liter pro Person, wobei «Vöslauer» mit 41 Prozent Marktanteil und knapp 100 Millionen Euro Umsatz eindeutig die Nase vor Konkurrenten wie «Gasteiner», «Römerquelle» oder «Waldquelle» hat.

In der Schweiz wiederum liegt der Pro-Kopf-Konsum bei 115 Litern, und dort sind neben den Big-4-Brands Marken wie «Aproz», «Passuger» und «Eptinger» besonders beliebt.

Weltweites Geschäft

Keiner dieser Produzenten lässt sich hinsichtlich der wahren Erträge in die Karten schauen. Aber laut dem US-Forschungsinstitut Global Water Intelligence gilt die grobe Faustregel, dass ein Kubikmeter Trinkwasser – das sind etwa 1000 Liter – aus der Meerwasserentsalzung rund einen Franken kostet, ein Kubikmeter sauberes Grundwasser sogar lediglich ca. 37 Rappen. Selbst wenn man noch die Kosten für industrielle Bearbeitung, Anreicherung mit Aroma- und Zusatzstoffen, Vertrieb und Marketing hinzurechnet, bleiben Profitmargen übrig, die sich gewaschen haben.

Vor allem Nestlé, das aus Quellen in Schwellenländern Wasser entnimmt, geriet wegen solch exorbitanter Gewinnspannen massiv in die Kritik. Dokus wie «Bottled Life» zeigen die Wassergewinnung für die Marke «Pure Life» in Pakistan und die Auswirkungen auf die Landbevölkerung. Nestlé weist alle Vorwürfe zurück: Der Konzern würde nur 0,0009 Prozent der weltweiten Süsswasser-reserven nützen und die Quellen von Krankheitserregern und Verschmutzung befreien. Wer Wasser sauber halten will, appelliert Nestlé, sollte Flaschenwasser trinken.

Dieser Standpunkt ist aus geo- und demografischer Sicht nicht ganz von der Hand zu weisen: Zwar ist die Erde zu über 70 Prozent mit Wasser bedeckt, aber nach Abzug von Salzwasser (97,5 Prozent), Gletschereis und Permafrost bleiben nur 0,5 Prozent nutzbares Süsswasser übrig, und laut UNO sind lediglich 0,007 Prozent als Trinkwasser geeignet. Gleichzeitig hat laut WHO immer noch etwa eine Milliarde Menschen keinen direkten Zugang zu Trinkwasser, drei Milliarden gelten als mit Wasser unterversorgt, sind also auf die Versorgung mit Flaschenwasser angewiesen. Dabei hat auf den Rohstoff Wasser seit einem UNO-Beschluss von 2010 jeder Mensch ein Grundrecht.

Kostbares Gut: Der Verbrauch von Trinkwasser wird sich bis 2050 verdoppeln.

© Arne Hoel

Hinzu kommt, dass sich der Verbrauch von Trinkwasser – dessen Menge eine Naturkonstante darstellt – parallel zur wachsenden Weltbevölkerung laut OECD bis 2050 verdoppeln wird. Nicht umsonst hat das Weltwirtschaftsforum Davos 2017 diesen drohenden Mangel als eines der ganz grossen globalen Risiken identifiziert, das in Zukunft in einen Krieg ums Wasser münden könnte.

Deswegen sollten laut Analysten des auf Wasseraktien spezialisierten Fonds RobecoSAM spätestens 2025 Investitionen in der Höhe von einer Billion Dollar in die Erschliessung neuer Quellen etwa durch Meerwasserentsalzung fliessen.

Lebenselexier und Luxusgut

Ob das reichen wird, weiss niemand. Währenddessen wird munter weitergetrunken. Bereits seit 2008 hat der weltweite Absatz von Mineralwasserflaschen, primär wegen stärkerer Nachfrage der wachsenden Mittelschicht in den Schwellenländern, jedes Jahr um durchschnittlich sechs Prozent zugelegt, Tendenz steigend. Sogar die Quelle in Niederselters lässt deswegen ihren «Haustrunk» wieder sprudeln.

Und manchmal treibt die unstillbare Gier nach dem prickelnden Nass recht kostspielige Kapriolen. Wer zufällig rund 101.000 Franken zu viel hat und ein wirklich exklusives Wässerchen kosten will, der sollte vielleicht mal bei einem Laden namens «Beverly Hills 90H2O» vorbeischauen. So viel kostet nämlich eine Flasche aus der exklusiven, mit Diamanten besetzten «Luxury Collection».

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Facts: Der Weltweite Mineralwasser-Markt

Nestlé, Coca-Cola, Danone und Pepsico dominieren den Markt:

Nestlé: weltweit über 60 Brands, in Deutschland, Österreich und der Schweiz mit

  • Acqua Panna
  • S.Pellegrino
  • Nestlé Pure Life
  • Contrex
  • Vittel
  • Henniez
  • Cristalp
  • Perrier

Coca-Cola: weltweit über 70 Brands, etwa

  • Apollinaris
  • Vio
  • Bonaqa
  • Römerquelle
  • Valser

Danone: bekannteste Brands

  • Volvic 
  • Evian 
  • Badoit

PepsiCo: vor allem am US-Markt mit

  • Lifewater
  • Aquafina
  • Propel

Marktsegmentierung bei einem Volumen von ~360 Mrd. €

  • ~13% Nestlé
  • ~10,5% Coca-Cola
  • ~ 6,5% Danone
  • ~3,9% PepsiCo
  • 66% andere Marken

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