Der grosse Aufbruch im Waadtland

Clos de la George in Yvorne nach der Weinlese.
Hier wachsen prächtige Syrah-Trauben.

© chapuis photo.com

Clos de la George in Yvorne nach der Weinlese.
Hier wachsen prächtige Syrah-Trauben.

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Die Waadtländer gelten als die Berner der Westschweiz. Ihr Dialekt klingt breiter und wärmer als jener der Genfer. Zu Traditionen pflegen sie ein freundliches Verhältnis. Sie hängen am Chasselas, der Hauptsorte der Romandie. Während benachbarte Weinbauregionen wie das Wallis oder Genf dessen Anbau sanft zurückbinden, bedeckt er in der Waadt noch sechzig Prozent der Weinbergsfläche.

Nur: Sie mögen konservativ sein, die Waadtländer. Reaktionär sind sie nicht. Das Rad der Zeit wollen sie nicht zurückdrehen. Sie stehen zum Chasselas, verstehen sich als seine leidenschaftlichsten Botschafter, verkennen aber auch die Zeichen der Zeit nicht. Und die weisen in die Richtung Rotwein. Ohne Lärm, ohne vollmundige Proklamationen haben sich deshalb in den letzten zehn Jahren auch die Vignerons Vaudois erfolgreich an dessen Vertiefung, Differenzierung und Verbesserung gemacht.

Holzfasskeller auf der Domaine de Crochet in Mont-sur-Rolle.
Holzfasskeller auf der Domaine de Crochet in Mont-sur-Rolle.

Foto beigestellt

Charles Rolaz und Raoul Cruchon sind zwei Hauptprotagonisten dieser erfreulichen Entwicklung. Rolaz, ein feinsinniger Advokat, ist Chef des Maison Hammel in Rolle. Seiner Familie gehören die vier hervorragenden Weingüter Crochet in der Côte, Châtelard in Lavaux, George und Montet im Chablais. Als er vor mehr als zwanzig Jahren in die Firma eintrat, wollte er aus den erstklassigen Terroirs mehr herausholen als guten Chasselas. Die Klimaerwärmung antizipierend, pflanzte er mutig französische Sorten wie Merlot, Cabernet und Syrah. Die Rebstöcke sind inzwischen volljährig geworden und ergeben in Assemblagen, das heisst als Sortenverschnitt, oder als reinsortige Gewächse kräftig strukturierte Rotweine, wie sie in der Waadt vor noch nicht allzu langer Zeit für unvorstellbar gehalten wurden.

Raoul Cruchon ist der dynamische, zupackende Kellermeister des familieneigenen Weinguts in Echichens oberhalb von Morges. Gesegnet mit einem breiten Horizont und nicht frei von visionären Anwandlungen, stellte er mit Unterstützung seines Bruders Michel seine Weinberge auf biodynamische Bewirtschaftung um und baute den Anteil von roten Rebsorten auf 41 Prozent aus. Seine Rotweine besitzen Finesse, Frische und Eleganz wie nur wenige andere.

Mit Erstaunen beobachtet Cruchon den Aufbruch des Waadtländer Rotweins:

«Unsere Winzer haben bei den Roten in jüngster Zeit mehr Fortschritte gemacht als bei den Weissen in zwanzig Jahren. Und das angesichts der Tatsache, dass die Weissweine hier eine lange Tradition besitzen, während die Geschichte der Rotweine bloss einen kleinen Platz einnimmt.»

Cruchon führt dafür drei Gründe ins Feld: «Die Konsumenten verlangen mehr Rotwein. Der Markt toleriert keine mittelmässige Qualität mehr. Und neue Rebsorten sind zum Nachteil des Gamay aufgetaucht.»

Der Önologe und Kellermeister Raoul Cruchon.

© weinweltfoto.ch

Auf der Überholspur

Stimuliert wird die positive Entwicklung natürlich durch die Klimaerwärmung. «Sie hat uns bei der Wahl der Rebsorten viel mehr Möglichkeiten eröffnet», sagt Charles Rolaz. «Wir können nun auch Sorten wie Merlot, Cabernet oder Syrah anbauen, die zwei, drei Wochen nach dem Chasselas ausreifen.» 

Das wiederum lässt ihn optimistisch in die Zukunft schauen:

«Wir besitzen noch in allen Anbaugebieten des Kantons ein enormes Qualitätspotenzial. Sei es auf dem Niveau der Assemblagen, sei es auf jenem der reinsortigen Weine.»

© Hans Peter Siffert

Als Voraussetzung für einen weiteren Qualitätsschub sehen beide das zunehmende Alter der Rebstöcke und eine konsequente Ertragslimitierung. Cruchon fügt an, dass auch beim Ausbau der Weine noch grössere Subtilität gefragt ist, und denkt dabei wohl an einen allzu sorglosen Umgang mit Barriques. Zu viel Neuholz und zu grobe Holztannine überschminken oder verunstalten die terroirbedingt doch eher feinen Waadtländer Rotweine.

Nachholbedarf sieht andererseits Charles Rolaz noch beim Reifepotenzial der Weine, das auf internationalem Niveau das entscheidende Kriterium eines grossen Weins sei. Die Bordelaiser Sorten oder auch der Syrah hätten schon bewiesen, dass sie auch in der Waadt vorteilhaft altern können. Gamaret, Garanoir, Galotta und auch gewisse Pinots Noirs müssten den Nachweis aber erst noch liefern. «Wenn man den Akzent zu stark auf die Frucht und die frühe Zugänglichkeit legt, fehlt den Weinen das Tanningerüst, das sie für eine langjährige Reifung prädestiniert.»

Assemblagen oder reinsortige Weine?

Uneinig sind sich die beiden Spitzenwinzer bei der gegenwärtig aktuellen Gretchenfrage «Assemblagen oder reinsortige Rotweine». Cruchon sieht zwar in den Assemblagen einen Trend, bevorzugt aber die Reinsortigkeit und gestaltet dementsprechend auch sein Weinsortiment. Pinot Noir, Syrah, Merlot hält er für die wertvollsten und vielversprechendsten Rebsorten in den Waadtländer Weinbergen. Unrecht hat er mit seiner Ablehnung der Assemblagen nicht, denn abenteuerliche Assemblagen, wie sie in unserem Tasting ab und an anzutreffen waren, öffnen der Beliebigkeit Tür und Tor und behindern ein Weinbaugebiet bei der Schaffung einer eigenen Identität.

Rolaz ist wohl ganz abwägender Anwalt, spricht aber auch aus eigener Erfahrung, wenn er differenziert und beide Wege – wie er sie in seinem Betrieb auch beschritten hat – für gangbar hält. Junge Reben assembliert er gerne, während er Rebsorten wie Pinot Noir, Merlot und Syrah mit einem gewissen Pflanzalter auch als Monocépages keltert und ausbaut. Allen voran geht dabei der Merlot. «Der Merlot besitzt in den besten Lagen der Waadt ein grosses Reifepotenzial.» Assemblagen aus Rebsorten, die mit Boden und Exposition harmonieren, vermögen für ihn das Terroir ebenso gut auszudrücken wie reinsortige Weine. «Das Geheimnis und die Seele des Weins sind in seinem Terroir gespeichert. Die Rebsorte fungiert dabei nur als Übersetzer.» 

Michel und Raoul Cruchons  Barriquekeller befindet sich in  einem alten Wasserreservoir.

Michel und Raoul Cruchons Barriquekeller befindet sich in einem alten Wasserreservoir.

© weinweltfoto.ch

Welches sind die Lieblingsweine innerhalb der eigenen Produktion? Cruchon: «Unsere Pinots Noirs Lugrines, Champanel, Raissenaz und der Servagnin.» Rolaz: «Charles Auguste, Merlot Apicius, Syrah von Clos de la George, Côte Rousse und Quintessentia.» Und was trinken sie darüber hinaus am liebsten? Cruchon: «Burgund, Piemont und Grenache. Weine aus Rebsorten mit wenig Farbe und viel Eleganz.» Rolaz: «Weine aus den klassischen Gebieten von Frankreich, Italien und Spanien.»

«Die Waadtländer haben bei den Rotweinen grosse Ambitionen an den Tag gelegt», sagt Raoul Cruchon – und mit Blick in die Zukunft fügt er hinzu: «Dennoch bleibt noch viel zu tun.»

Infos zum Anbaugebiet: Die neuen Roten

Die Waadt zählt 3778 Hektaren Reben und ist nach dem Wallis der zweitgrösste Weinbaukanton der Schweiz. Die Anbaugebiete liegen am Genfersee (La Côte und Lavaux), am rechten Hang
der Rhone (Chablais) und im Norden des Kantons (Côte de l’Orbe und Bonvillars). 2480 Hektaren sind mit weissen Sorten bepflanzt, 92 Prozent entfallen auf den Chasselas. Rotweine wachsen auf 1290 Hektaren.
Die wichtigsten roten Sorten sind:
Pinot Noir (491 ha), Gamay (376 ha), Gamaret (146 ha) und Garanoir (119 ha). Daneben spielen in den letzten Jahren – aufgrund der Klimaerwärmung – aber auch andere Sorten wie Merlot (49 ha), Galotta (19 ha), Cabernet Franc (13 ha), Diolinoir (10 ha) oder Syrah (9 ha) eine zunehmend wichtigere Rolle.

Aus dem Falstaff Magazin 08/2016.

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