Das Burgund der Schweiz

Auf kalkhaltigen Böden gedeihen die roten und weissen Burgundersorten am Neuenburgersee prächtig.

© Siffert / weinweltfoto.ch

Auf kalkhaltigen Böden gedeihen die roten und weissen Burgundersorten am Neuenburgersee prächtig.

Auf kalkhaltigen Böden gedeihen die roten und weissen Burgundersorten am Neuenburgersee prächtig.

© Siffert / weinweltfoto.ch

Auvernier, idyllisch am Nord­ufer des Neuenburgersees gelegen, ist das schönste Winzerstädtchen des Kantons. Die Rebberge erstrecken sich in sanften Wellen oberhalb des Orts nach Osten und Westen. Als Wahrzeichen dient das mächtige Schloss aus dem 16. Jahrhundert. Es ist der Sitz der Familie Grosjean, die dort seit über 400 Jahren in blutsverwandter Linie Weinbau betreibt. Das Kopfsteinpflaster der Grand-Rue in der Altstadt säumt jahrhundertealte herrschaftliche Winzerhäuser. Eines der markantesten ist die Maison Carrée. Hier wohnt die Familie Perrochet, deren profilierte Weine zu den besten der Schweiz gehören. Château d’Auvernier sowie La Maison Carrée gehören beide dem Mémoire des Vins Suisses an, der renommiertesten Winzervereinigung des Landes.

Für einmal gilt unser Besuch aber nicht diesen zwei Vorzeigebetrieben. Wir steigen die Grand-Rue höher und betreten ein nicht minder ausladendes Haus mit dicken Mauern, verwinkeltem Weinkeller, einem putzigen Turm und einem auf der Hinterseite gelegenen Garten, der einen kleinen ampelografischen Rebberg aufweist – mit allen elf Sorten, die hier zu Wein gekeltert werden.

Auf der Domaine des Cèdres der Familie Porret wird die Pinot-Noir-Maische von Hand gestossen.

Auf der Domaine des Cèdres der Familie Porret wird die Pinot-Noir-Maische von Hand gestossen.

© David Marchon

Wir befinden uns auf der Domaine de Montmollin. Es empfängt der junge Benoit de Montmollin, der zusammen mit seiner Schwester Rachel Billeter-de Montmollin seit 2017 den über achtzig Jahre alten Betrieb führt. Zu Beginn geht es schnurstracks in die Weinberge. Die Domaine de Montmollin bewirtschaftet in Eigenregie zwischen der Stadt Neuenburg im Osten und dem Dorf Gorgier/Chez-le-Bart im Westen fünfzig Hektaren Reben und ist damit der grösste Selbstkelterer des Kantons.

Die Pflanzen sind gesund, kräftig und tragen guten Behang. Ihr prächtiger Zustand lässt vermuten, dass die Domaine de Montmollin biologisch arbeitet. Prompt erklärt Benoit mit sichtlicher Freude und Genugtuung, dass inzwischen die gesamte Rebfläche auf die biodynamische Bewirtschaftung umgestellt worden sei. «Wir begannen 2012 auf Rat von Jean-Denis Perrochet. Es ist eine Herkulesarbeit, doch wir haben die Entscheidung nie bereut. Unsere Weine sind aromatischer und expressiver geworden.» Wir sind beeindruckt. Die Domaine de Montmollin ist neben Cruchon im waadtländischen Echichens der grösste biodynamisch arbeitende Betrieb in der Schweiz. Das zeugt von Mut, Risikofreude und Weitsicht.

Benoit de Montmollin (l.) und seine Schwester Rachel Billeter leiten seit zwei Jahren die traditionsreiche Domaine de Montmollin.

Benoit de Montmollin (l.) und seine Schwester Rachel Billeter leiten seit zwei Jahren die traditionsreiche Domaine de Montmollin.

© Samuel Gachet

Zurück in Auvernier probieren wir im atmosphärischen Gewölbekeller mit den grossen traditionellen Holzfässern Benoits Weine. Wir starten wie üblich in der Romandie mit Chasselas und fahren fort mit Chardonnay, Sauvignon Blanc und Viognier. Hinreissend ihre Sortentypizität und Frische. Ob da wohl auch der Einfluss der Biodynamie mitspielt? Oder Benoits feines Händchen im Keller?

Dann wechseln wir zum Pinot Noir. Der Pinot Noir ist mit einem Anteil von 65 Prozent die wichtigste Rebsorte auf der Domaine de Montmollin. Die gleiche Rolle spielt er im gesamten Weinbaukanton Neuenburg: Hier belegt die Königssorte 333 Hektaren bei einer Gesamtfläche von 606 Hektaren. An zweiter Stelle folgt mit 161 Hektaren der Chasselas. Neuenburger Pinot Noir gilt als besonders frische, feingliedrige, finessenreiche Ausprägung dieser delikaten Traube. Der Kanton versteht sich in seinem Selbstverständnis als südöstlicher Ausläufer des Burgunds. Die kalkhaltigen Böden des Jurasüdfusses, je nach Beschaffenheit lehmiger oder kiesiger, das gemässigte Klima mit der passenden Regenmenge, die südöstliche Ausrichtung der Rebberge auf einer Höhe von 430 bis 600 Metern über Meer und die erheblichen Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht in der letzten Reifeperiode bieten dem Pinot Noir in Neuenburg ausgezeichnete Rahmenbedingungen. Dennoch darf die Nähe zum Burgund nicht täuschen. Louis-Philippe Burgat, der mit dem Pur Sang auf seiner Domaine de Chambleau in Milvignes eine der Pinot-Ikonen des Kantons erzeugt, meint: «Wir Neuenburger sind eigenständig. Wir haben zwar auch den Kalk, aber unsere Böden sind jünger. Der Wasserhaushalt ist verschieden.»

Jean-Denis Perrochet von La Maison Carrée gilt in Neuenburg als Pionier des biodynamischen Rebbaus.

Foto beigestellt

Rund die Hälfte der kantonalen Pinot-Noir-Produktion entfällt auf den Œil de Perdrix. Dieser duftig-würzige Rosé lässt sich kulinarisch vielfältig einsetzen und ist in der Deutschschweiz der bekannteste Neuenburger Wein. Leider haben es die Neuenburger verpasst, den Namen zu schützen, sodass uns nun auch aus anderen Weinregionen, insbesondere dem Wallis, Œil-de-Perdrix-Kopien angeboten werden. Auch die Domaine de Montmollin erzeugt einen schönen Œil de Perdrix aus jungen Reben sowie früher gelesenen Trauben und verdankt ihm einen grossen Teil des Umsatzes. Doch darüber offeriert Benoit de Montmollin die Dreifaltigkeit des Pinot Noir: den wunderbar ausgeglichenen, fruchtbetonten Basis-Wein, den Barrique und den Haute Couture. Ersterer stammt aus der Lage Les Lérins in Auvernier, letzterer aus Les Creuses in Bevaix. Beide werden während der Gärung handgestossen und reifen in teilweise neuen französischen Eichenfässchen. Sie kaschieren vor allem in der Jugend die subtile Pinot-Frucht, weshalb Benoit auf 400-Liter-Fässer umsteigen will. Zudem liebäugelt er mit Spontanvergärung und plant, die hervorragenden Lagen auch auf dem Etikett herauszustreichen. «Ich liebe die Reinheit des Pinot Noir, seine Frucht, Finesse und Eleganz. Daran zu arbeiten ist jedes Jahr eine neue Herausforderung.

Auch Martin Porret von der Domaine des Cèdres in Cortaillod eifert einem ähnlichen Pinot-Noir-Ideal nach. «Ich suche die reinen, unverfälschten Aromen von kleinen Beeren. Im Gaumen darf der Wein nicht zu vollmundig, zu warm sein, sondern muss Präzision und ein griffiges Profil besitzen.» Und seine Schwester Sophie ergänzt: «Es geht darum die aromatische Frische zu bewahren.»

Sophie und Martin Porret repräsentieren die siebte Generation auf dem traditionsreichen Weingut mit der markanten Zeder. Alle Porrets verstanden es zu ihrer Zeit, Traditionsbewusstsein mit Innovationsgeist zu verbinden. Sophie und Martin sind beide bestens ausgebildet mit Auslandserfahrung. Sie kümmert sich mehr um den Chasselas, er um den Pinot Noir. Beide gehören wie Benoit de Montmollin, Alexandre Perrochet (La Maison Carrée) oder Henry Grosjean (Château d’Auvernier) zur neuen Neuenburger Winzergeneration: keine jungen Wilden, sondern besonnene Weinbauern, darauf bedacht, das ihnen zugefallene Erbe mit Elan in die Zukunft zu tragen.

Louis-Philippe und Valérie Burgat führen mit ihren Töchtern Charlotte und Pénélope die Domaine Chambleau.

Louis-Philippe und Valérie Burgat führen mit ihren Töchtern Charlotte und Pénélope die Domaine Chambleau.

Foto beigestellt

Die jungen Porrets bewirtschaften mit ihren Eltern Jean-Christophe und Nicole in Cortaillod, Boudry und Bevaix sieben Hektaren Pinot Noir (sechzig Prozent) und Chasselas (dreissig Prozent); Gamaret, Pinot Gris, Chardonnay und Divico. Sie arbeiten möglichst biologisch, verzichten seit zwei Jahren auf Herbizide, sind aber nicht zertifiziert.

Betritt man ihren Keller, so wähnt man sich – wie auch auf La Maison Carrée – in die Vergangenheit zurückversetzt. Die Weine vergären in emaillierten Zementwannen. Vorfahre Auguste-Henri Porret hatte diese nach dem Kauf des Herrenhauses 1870 1,5 Meter tief in den Boden eingelassen. Die Maische wird von Hand runtergestossen. Alle Weine reifen nach der alkoholischen Gärung in zumeist alten, grossen Holzfässern. «Der Fassausbau schenkt ihnen Tiefe.» Einzig ein spezieller Chasselas, der Chardonnay und der Pinot Noir Les Calames kommen in Barriques.

Thierry und sein Sohn Henry Grosjean erzeugen auf Château d’Auvernier exemplarische Weine.

Thierry und sein Sohn Henry Grosjean erzeugen auf Château d’Auvernier exemplarische Weine.

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Der Pinot Noir Les Calames bildet die Spitze der Pinot-Produktion. Wie auf der Domaine de Montmollin widmen auch die Porrets der Sorte vier Weine: Œil de Perdrix, Pinot Noir, Pinot Noir Non Égrappé und Les Calames. Jeden Wein kann man gleichsam blind kaufen. Das alte Etikett mit dem goldenen Rebblatt bürgt für zeitlose Qualität zu einem darüber hinaus günstigen Preis.

Besonders herauszuheben sind vielleicht die zwei letzten Weine. Der Non Égrappé geht auf Grossvater Pierre-André zurück. Wie der Name sagt, vergären die aus Cortaillod stammenden Trauben unzerquetscht mit ihrem Stielgerüst. «Um vegetale, grüne Noten zu vermeiden, wird der Wein nur in guten Jahren hergestellt, in denen die Stiele reif sind», sagt Martin Porret. Aussergewöhnliche Frische, Struktur und ein grosses Reifepotenzial kennzeichnen ihn.

Les Calames schliesslich ist Martins Wein: «Während meines Praktikums im Burgund habe ich die Terroirunterschiede kennengelernt. Deshalb haben wir den Calames.» Die Trauben wachsen in Boudry, in einem Rebberg, wie es wohl keinen zweiten gibt in Neuenburg: siebzigjährige Reben, tief geschnitten, aus einer massalen Selektion (die auf der Auswahl und späteren Vermehrung eines bestimmten, besonders hochwertigen Mutterrebstocks beruht) und mit einer Stockdichte von 10.000 Pflanzen pro Hektare. Der frische, mineralische, komplexe Wein reift in neuen Barriques und steckt das Holz weg wie nichts. Martin Porret ist damit auf dem Weg, sich in die Schweizer Pinot-Noir-Elite aufzuschwingen. Der Wermutstropfen: Es gibt ihn bloss in homöopathischer Dosis.


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Falstaff Nr. 06/2019
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