Cortis Küchenzettel: Kichern über Cicero

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Eigentlich erstaunlich, dass nur wenige Italiener ahnen, wie unglaublich zart Kichererbsen schmecken, wenn sie im Frühling frisch von der Pflanze geerntet werden und in hellstem Grün leuchten. Schliesslich sind unsere südlichen Nachbarn auf der anderen Seite der Alpen sonst echte Experten darin, jedes Gemüse von früher Jugend an auf seine geschmacklichen Qualitäten zu ergründen.

Aber es sind auch nur wenige Tage, während derer den Hülsenfrüchten jenes feine Zitronenaroma innewohnt, das den Frühling auf den Gaumen bringt und sich etwa toll in Risotto macht. Die Erntezeit ist kurz, schnell wechselt die Farbe in sandiges Beige. Im Gegensatz zu Bohnen, die erst mit der Entdeckung Amerikas auf europäische Speisepläne fanden, gehören Kichererbsen seit Jahrtausenden zu unserer Kultur.

Bescheiden, unaufdringlich, mannigfaltig einsetzbar: Kichererbsen wurden schon von den Ägyptern in der Antike kultiviert, in Indien gehen die Funde noch viel weiter zurück. Die alten Römer gaben ihr den Namen Cicer arietinum – daher die Kicher-(Cicer-) Erbse, der Legende nach aber auch der Familienname Marcus Tullius Ciceros, des grossen Politikers und Philosophen im alten Rom: Das Antlitz eines seiner Vorfahren soll demnach von einer überaus mächtigen Warze geschmückt gewesen sein, deren Form an eine Kichererbse erinnerte. Der botanische Name «arietinum» wiederum leitet sich von «aries» für Widder ab, weil manche Sorten kleine Knubbel und Schwünge aufweisen, deren Anmutung an geschwungene Widderhörner erinnern soll.

Wie auch immer: Die Kichererbse macht stark, ihr hoher Proteingehalt prädestinierte sie schon in der Antike als billige Kraftnahrung für arme Bauern und Sklaven. Sie waren es, die sich zahllose Zubereitungsvarianten einfallen liessen, ob gekocht als Suppe und Ragout, zu kühler Hummuscreme passiert wie in der Levante, zu Mehl vermahlen und als hauchdünne, knusprige Panisse-Crêpes gebraten wie in Südfrankreich und Ligurien, oder als Dal und Basis für Backteige in Indien.

Der grosse europäische Denker Umberto Eco meinte gar, dass die Entstehung unseres Kontinents aus den Wirren der Völkerwanderung ohne die erneute Kultivierung von Hülsenfrüchten undenkbar gewesen wäre: «Arbeitende Menschen konnten mehr Eiweiss zu sich nehmen; dadurch wurden sie robuster, lebten länger, zeugten mehr Kinder und besiedelten einen ganzen Kontinent neu. Wir glauben, dass unser Fortschritt von komplizierten Maschinen und Erfindungen abhängt. Dass es uns noch gibt – ich meine uns Europäer –, verdanken wir in Wahrheit jedoch den Hülsenfrüchten.» Also bitte: Mit solch kostbaren Gedanken gewürzt schmeckt auch ein bescheidener, frühlingshafter Eintopf ganz besonders gut.

Severin Corti's Rezept:

ERSCHIENEN IN

Falstaff Nr. 02/2019
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