Den Ursprung des Chasselas vermutete man lange im Nahen Osten. Tatsächlich liegt er aber am Genfersee. © Foto beigestellt
Den Ursprung des Chasselas vermutete man lange im Nahen Osten. Tatsächlich liegt er aber am Genfersee. © Foto beigestellt

Die Zeit der opulenten, holzgeschwängerten Weinmonumente scheint auszulaufen. Die Vernunft setzt sich durch. Und die besagt, dass Weine in erster Linie als bekömmliche Essensbegleiter zu dienen haben. Die von den meinungsbildenden Kritikern hochgejubelten, inszenierten Weine geraten dadurch in den Unverträglichkeitsverdacht. Die Schweiz eilt mit ihrem trinkigen Chasselas diesem erfreulichen Trend voraus. Die Weissweinsorte wächst auf 4000 Hektaren vor allem in der Westschweiz – an den steilen Ufern des Genfersees, des Neuenburger- und Bielersees sowie im Wallis. Chasselas gehört zur Westschweiz wie das Schloss Chillon zum Lac Léman. Ein Gläschen Mont-sur-Rolle, Saint-Saphorin oder Fendant stimmt die welschen Miteid-genossen aufs Mittagessen ein und leitet nach Arbeitsschluss in den Feierabend über.

Best of Chasselas 2013: Die besten Weine der Falstaff-Verkostung

Spürbare Mineralität
Ein guter Chasselas ist so frisch und klar wie Quellwasser. Rassig, schlank und belebend. Eine spürbare Mineralität schenkt ihm die Herbe und Tiefgründigkeit, ohne welche er banal bliebe. Der Chasselas besitzt zwar nicht den unverwechselbaren Charakter eines deutschen Rieslings oder eines Chardonnay aus dem Burgund. Doch die vermeintliche Schwäche ist seine Stärke: Die wenig akzentuierte aromatische Eigenart der Sorte erlaubt es dem Terroir – der Verbindung von Boden, Exposition und Mikroklima –, sich im vergorenen Wein profilierter auszudrücken. So mischen sich unverkennbar mineralische Noten in das dezent lindenblütenduftende Bukett, und feine Lagennuancen werden wahrnehmbar. Gewiefte Kenner der Sorte trauen sich deshalb zu, einen Féchy etwa von einem Epesses, einen Saint-Saphorin von einem Yvorne unterscheiden zu können.

Dézaley: Spektakuläre Terrassen am Genfersee / Foto beigestellt

Ursprung am Genfer See
Chasselas-Weine tragen nach französischer Manier ihre Herkunft – die Gemeinde oder gar die Lage – im Namen. Einzig im Wallis heissen sie nach der Rebsorte: Fendant, ein altes Synonym, zurückgehend auf den Beginn des 19. Jahrhunderts, als die Traube vom Waadtland in den Bergkanton einwanderte. Den Ursprung des Chasselas vermutete man lange im Nahen Osten. Gentechnische ­Untersuchungen der Universität Neuenburg erbrachten aber jüngst den Nachweis, dass die Sorte aus dem Genferseebecken stammt. Von da aus verschlug es sie ins Burgund und nach Baden-Württemberg, wo sie Gutedel ­gerufen wird. Im Rebberg ist der eher frühreife Chasselas ein vergleichsweise unkomplizierter Kerl. Er verdaut ohne nennenswerte Qualitäts­einbusse einen Ertrag von einem Kilo pro Quadratmeter, ja, zu tiefe Erträge bekommen ihm gar schlecht. Die daraus resultierenden höheren Oechslegrade gehen auf Kosten der Mineralität.

Präzision im Ausbau gefragt
Der filigrane Charakter verlangt aber eine Vinifikation mit Fingerspitzengefühl. Gefragt sind eine möglichst ausgedehnte alkoholische Gärung, der lange Ausbau auf der Feinhefe und, in klimatisch ausgewo­genen Jahren, die Durchführung des biolo­gischen Säureabbaus. Eine allfällige Säure­armut wird durch die Bewahrung der ­Kohlensäure kompensiert. Grosse Chasselas-Meister wie beispielsweise Pierre-Luc ­Leyvraz aus Chexbres arbeiten mit der ­Präzision eines Uhrmachers und assemblieren die verschiedenen Cuvées mit dem Gespür eines Parfümeurs. Nur so gewinnt der ­Chasselas Feinfruchtigkeit, Mineralität und Frische. Überraschend für viele, die den Chasselas bloss als Muntermacher und spritzigen ­Apéro-Wein kennen: Er vermag sensationell gut zu reifen – vorausgesetzt, er stammt von einem hervorragenden Terroir. Denn wie im Burgund die besten Böden dem ­Pinot Noir ­ihren unverwechselbaren Stempel aufdrücken, veredeln auch in der Westschweiz die nobelsten Terroirs den Chasselas.

Weingärten des Château Maison Blance

Je älter, desto markanter
Natürlich verliert er im Alter seine jugend­liche Unbekümmertheit. Dafür verbreitert sich sein aromatisches Spektrum, sein Profil wird markanter und gleichzeitig interessanter. ­Mineralische, honigartige und nussige Noten treten hervor, und die sortentypische Bitterkeit wird noch stärker als strukturierendes Element wahrgenommen. Das soll nun freilich nicht heissen, dass Chasselas-Weine plötzlich alt werden müssen. Die meisten schmecken in ihrer Jugend immer noch am besten. Es lohnt sich aber, als weissen Lagerwein auch einige Chasselas aus anerkannt guten Terroirs wie Dézaley oder Yvorne einzukellern. In zehn oder mehr ­Jahren wird man sich an geläuterten Weinen delektieren dürfen.

von Martin Kilchmann

Aus: Falstaff Magazin Schweiz 01/2015

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