Charles Schumann: Deutschlands most sexy Barman

Charles Schumann in seiner Münchner Bar «Les Fleurs du Mal» (Die Blumen des Bösen), benannt nach dem Werk des französischen Dichters Charles Baudelaire.

© Michael Wilfing

Charles Schumann in seiner Münchner Bar «Les Fleurs du Mal» (Die Blumen des Bösen), benannt nach dem Werk des französischen Dichters Charles Baudelaire.

© Michael Wilfing

An seinem runden Geburtstag im September konnte ihn niemand erreichen. Denn grosse Feiern zu seinen Ehren oder rote Teppiche sind nicht seine Welt. Da bummelte er lieber alleine durch Tokio, um aufzutanken und neue Eindrücke zu sammeln. Denn ansonsten steht «der Charles», wie ihn all seine Gäste nennen, noch immer fast jeden Abend hinterm Tresen seiner berühmten Bar in München. Und das seit fast 40 Jahren – eine Ära, in der dieser markante, inzwischen ergraute Charakterkopf zum Inbegriff des stilbewussten und gleichermassen eigenwilligen Barkeepers wurde. Ein Unikum, das von seinem Standardwerk «Schumann’s Barbuch» mehr als eine halbe Million Exemplare weltweit verkauft hat. Und dessen Gas­tro-Reich unverändert hohe Qualitätsstandards setzt. 

MAN’ S WORLD empfing der frankophile Lebemann – wie stets im weitgeschnittenen Anzug mit offenem Hemd – an seinem Lieblingsplatz: der eleganten Bar «Les Fleurs du Mal» über dem «Schumann’s» im Münchner Hofgarten. Und auf unnachahmlich knorrig-bodenständige Art sprach der bayerische Bauernsohn über genussintensives Leben und seine Zukunftspläne.

Herr Schumann, man trifft Sie immer noch fast täglich in Ihrer Bar an. Haben Sie den Zeitpunkt, in Pension zu gehen, verpasst?

Das wird nicht passieren.

Warum?

Ich gehe immer noch gerne an meinen Arbeitsplatz, und so lange die Gäste das spüren, sehe ich keinen Grund, nicht weiter da zu sein. Es macht mir Spass, und meine Neugierde treibt mich an. Ich habe noch Pläne.

Der Dichter Leo Tolstoi hat einmal gesagt: «Schnitze dein Leben aus dem Holz, das du hast.»

Das ist ein wahres Wort. Und irgendwann im Leben sollte man mit sich im Einklang sein und nicht etwas anderes darstellen wollen oder sich überschätzen. Ich habe immer das Problem, dass ich oft meinen eigenen Ansprüchen nicht genüge.

Sie sind nicht nur ein erfolgreicher Gastronom, sondern eine Institution. Was sind das für Zweifel?

Man sollte nie aufhören, sich selbstkritisch zu prüfen. Wenn ich zweimal in der Woche das Gefühl habe, das war jetzt ein guter Abend, ist das schon wunderbar.

Was zeichnet einen guten Barkeeper aus?

Er sollte diesen Beruf lieben. Und an erster Stelle steht für ihn der Gast. Der sollte einen ordentlichen Drink bekommen. Dabei gibt es heute eine so grosse Auswahl wie noch nie, wenn man allein an die unendlich vielen Whisky-Sorten denkt. Die musst du natürlich kennen. Aber ein guter Whisky Sour bleibt ein Whisky Sour. Und auch an einem Gimlet oder Manhattan muss nicht unnötig herumgepanscht werden.

Als Sie begannen, gehörten Sie zu den Pionieren. Heute gibt es nicht nur eine umtriebige Barszene, sondern auch viele Schulen für Barmixer. Ist es heute nicht einfacher, qualifizierten Nachwuchs zu bekommen?

Es macht es leichter, und aufgrund unserer erweiterten Gastronomie brauchen wir mehr Leute. Zuvor habe ich lange mit der ewig gleichen Mannschaft gearbeitet, viele waren 20 Jahre lang bei mir. Das war wie eine schlechte Familie.

Und Ihre Kellner müssen lernen, mit dem Temperament ihres Chefs umzugehen?

Früher war ich zorniger, heute bin ich ungeduldiger. Und wenn ich auf Menschen ruhiger wirke, dann ist das keine Altersmilde, sondern ich möchte Kraft sparen.

König der Barkultur: … auch ohne Thron. Als Model für Möbelhersteller Wagner. 

© Wagner-Living

In einer Bar läuft jeden Abend eine andere Inszenierung ab. Bühnenbild, Atmosphäre, Darsteller – alles da. Sehen Sie Ihre Rolle auch als Regisseur?

Ja, und ich weiss, dass ich viel beeinflussen kann. Das «Schumann’s» würde sicher auch ohne mich existieren können, aber es wäre anders.

Wann greifen Sie ein?

Ich muss immer wieder sagen: Seid nicht zu nah am Gast. Bewahrt die Diskretion, sonst seid ihr irgendwann Kumpel und werdet nicht mehr respektiert. Und dann drängt es heute viele junge Mitarbeiter dazu, eigene Drinks zu erfinden und zu Spirituosenberatern zu werden. Dann lasse ich sie ziehen, denn die Arbeit im «Schumann’s» ist ein harter Knochenjob. Im Sommer arbeiten wir auf drei Ebenen gleichzeitig – Restaurant, Bar, Aussenbereich. Das packt nicht jeder.

Das «Schumann’s» wurde in diesem Jahr wieder zu Deutschlands bester Bar prämiert. Setzen Sie bewusst darauf, sich angesichts eines wachsenden Angebots an zeitgeistigen Metropolen-Bars als Klassiker zu positio­nieren?

Ja, und ich halte mich an das Motto meines Freundes, den Modemacher Yoji Yamamoto: «Ich schaue mir alle Trends an, übernehme auch das eine oder andere. Aber ich werde nie einem Trend nachlaufen».

Wie sieht Ihr Tag aus?

Er beginnt in der Regel um 8 Uhr mit unzähligen Kaffees in der Tagesbar. Dann kommt die Mittagsschicht, und der Abend endet für mich nie vor 23 Uhr. Dreimal in der Woche treibe ich nachmittags Sport, meistens boxe ich, und samstags spiele ich oft Fussball.

Boxen – ist das auch ein Männlichkeitsritual?

Das sehe ich nicht so, es hält mich einfach sehr gut fit. Ich habe das vor vielen Jahren mit dem Schriftsteller Wolf Wondratschek begonnen. Der boxt aber längst nicht mehr.

Gibt es sonst ein Geheimnis, mit 75 so vital wie Sie zu wirken?

Wenig Alkohol trinken, ausreichend schlafen. Und sich geistig wachhalten, das ist ungemein wichtig.

Wie gestalten Sie die legendäre blaue Stunde am Nachmittag?

Da ruhe ich mich aus inmitten meines Verhaues, wo sich die ungelesenen Zeitungen stapeln. Da finde ich auch immer etwas Interessantes, da muss ich nicht ins Internet und stundenlang E-Mails lesen. Ich habe ausserdem mindestens drei Bücher im Kopf, die ich gerne noch realisieren möchte. Durch meine vielen Reisen in den vergangenen Jahren ist das leider liegen geblieben.

Sie waren auch für einen Kinodokumentarfilm über die berühmtesten Bars der Welt unterwegs …

…der Film wird bei der Berlinale in Februar uraufgeführt. Es waren tolle Gespräche und nachhaltige Eindrücke dabei. Auch wenn es mit der Regisseurin in den vier Jahren manchmal ein Kampf war.

Inwiefern?

Sie wollte unbedingt, dass wir nach Havanna fahren. Ich aber nicht! Und schon mal gar nicht, nachdem Madonna und auch noch Karl Lagerfeld da waren. Wir hatten dann abends in der Bar einen kleinen Disput dar­über. Da hat sich die Regisseurin so aufgeregt, dass sie sich einen Arm gebrochen hat, die Arme. Na gut, hab ich gesagt, fahren wir halt. Wir waren auch in der Bar, wo Hemingway seine Mojitos getrunken hat. Aber ich war vor allem traurig, wie dort alles verfällt. Ich hab dann ein bisschen mit der kubanischen Fussballnationalmannschaft trainiert. Die waren ganz erstaunt, wie fit ich bin.

Charles Schumann: Gastronom, Barkeeper, Stilikone. 

© Foto beigestellt

Sie geniessen als Barmann eine ausserordentliche Bekanntheit, nicht zuletzt durch Ihre langjährige Tätigkeit als Model für das BOSS-Label Baldessarini. Wie lebt es sich als Stillegende?

Darüber denke ich nicht nach. Ich fühle mich wohl in meiner Haut, ja, das zeige ich auch gern. Aber Legende? Das hat so etwas Endgültiges.

Wie wurden Sie entdeckt?

Werner Baldessarini war regelmässig Gast in meiner Bar, und offenbar fand er damals kein anderes Model. Er hat dann einfach immer nur im «Schumann’s» angerufen, wenn neue Aufnahmen anstanden. Das lief alles sehr unkompliziert. Und viele Leute haben tatsächlich gedacht, ich sei der Baldessarini.

Gibt es jemanden, der einmal ihren Job übernehmen wird?

Mein Sohn Marvin möchte nicht. Er hat sehr viel von meiner Arbeit mitbekommen, denn ich habe ihn schliesslich alleine grossgezogen. Aber er hat Philosophie in Wien studiert, und jetzt interessiert ihn erst einmal vor allem Musik. Der Soundtrack zu meinem Kinofilm stammt von ihm.

Musik scheint etwas Gemeinsames zwischen Vater und Sohn zu sein. Sie spielen Klavier, hört man.

Musik berührt jeden, der gerne trinkt und isst. Literatur, Musik, Genuss – das gehört zusammen. Und auch Sprache, meine grosse Leidenschaft, ist schliesslich Musik. Ich versuche jeden Tag zumindest eine Stunde eine neue Sprache zu lernen, derzeit vor allem Japanisch, weil ich gerne in Japan bin. Und ich fühle mich zum Beispiel in der französischen Literatur mehr zu Hause als in der deutschen.

Sie sprechen seit Jahren davon, ein Restaurant an Ihrem Zweitwohnsitz Südfrankreich zu eröffnen. Kommt es noch?

Ich hoffe es. Denn mich faszinieren diese kleinen, liebevollen Läden mit gepflegter Getränkekarte. Und einer Carte blanche, nicht diesen zig Gerichten. Das wäre ein schöner Abschluss meines Lebens.

Was ist für Sie das schönste Lob?

Wenn mir Gäste persönlich sagen, dass sie sich bei mir wohl fühlen. Und die Japaner haben einen schönen Spruch: «Ein Teller ist perfekt, wenn man nichts mehr wegnehmen kann.» Das gilt auch für Drinks.

Gastronom, Barkeeper, Stilikone: «Man sollte gerne daraus trinken und sie auch in der Hand halten wollen», sagt Charles Schumann über seine eigens vertriebenen Kristallgläser, die er mit der Firma Schott Zwiesel entwickelt hat. Die «Basic Bar Selection» umfasst 24 Gläser – vom klassischen Champagnerglas bis zur Cocktailschale aus den Dreissigern. www.schumanns.de

Aus dem Man's World Magazin 01/2016 

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