Champagner, prickelnder Liebeszauber?

© Gina Müller

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Aphrodisiaka sind in unseren Breiten verbunden mit mystischen Kulten, Mythen und Sagen und magischen Riten ebenso berüchtigt wie verrucht. Das ist nicht in allen Gegenden so. «Überall, wo ich war, gehörte auch der Gebrauch von Aphrodisiaka dazu», sagt der deutsche Ethnopharmakologe Christian Rätsch. «Bei uns sind die Menschen jüdisch-christlich geprägt, und das hat, was Lusterfahrungen angeht, ganz schön beschneidend gewirkt.»

Aphrodisiaka sollen die Libido beleben und wirken anregend auf das Verlangen und Lustempfinden. Abgeleitet ist der Name von Aphrodite, der griechischen Göttin der Liebe, Schönheit und sinnlichen Begierde. Dass Champa­gner unter den Stimulanzien rangiert, mag vielleicht auch daran liegen, dass Aphrodite der Sage nach aus dem aufschäumenden Meer geboren wurde. Das altgriechische «aphrós» steht für Schaum. Da sind die Assoziationen von der feingliedrigen Perlage zum zarten Schaum an der Oberfläche nicht weit. Vom unvorsichtigen Öffnen gar nicht zu sprechen, wenn der Korken knallt und sich der Schaumwein Platz macht.

Doch noch kurz zurück zu Aphrodite: Ihr waren viele Kräuter und wohlduftende Pflanzen mit erotisierender oder berauschender Wirkung geweiht. In der Antike zählten zu den Pflanzen mit aphrodisierender Wirkung etwa Alraune, Sauerampfer, Safran oder Wein, der mit anderen Rauschmitteln gemischt wurde.

Champagner macht jeden Moment zum kleinen Fest im Alltag. Das Prickeln im Mund steigert die Lust auf mehr sinnliche Genüsse.

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Die enthemmende und lustfördernde Wirkung des Weins spiegelte sich übrigens in der Gestalt des Dionysos, des männlichen Pendants der Aphrodite wider. In der Kunst wird die lüsterne Gottheit oft mit Efeukränzen dargestellt, weil Efeu ernüchternd wirken soll, womit ein end­loses Gelage garantiert schien. Heute werden einer weiteren Reihe von Lebensmitteln, Kräutern und Gewürzen luststeigernde Effekte nachgesagt, etwa Austern, Honig, Ingwer, Spargeln, Schokolade, Chili, Kardamom, Vanille, Zimt, aber auch Champagner und unterschiedlichen Drogen wie Cannabis oder LSD.

Die Substanzen können unterschiedlich wirken und werden meist als aphrodisierend eingestuft, weil sie auf sinnlicher Ebene stimulieren, die Wahrnehmung aktivieren, einen pharmakologischen Effekt haben oder die Psyche beeinflussen. Zaubermittel sind sie allerdings alle nicht. Indirekt können Düfte, ein reizvolles, aromatisches Essen oder der Anblick einer Auster das vegetative Nervensystem und damit auch die Aktivität der Sexualorgane beeinflussen. Der Hauptaromastoff in der Vanille, Vanillin, ist beispiels­weise mit den Pheromonen verwandt, den Sexuallockstoffen. Die «Mittel der Liebesgöttin» können aber auch direkt das Bewusstsein beeinflussen, wie alkaloidhaltige Pflanzen, Drogen oder Alkohol. In der richtigen Dosierung helfen sie, Blockaden zu lösen, Grenzen zu überschreiten, sich ohne Angst den eigenen Gefühlen zu stellen, zu enthemmen. Allen Stimulanzien gemeinsam ist, dass sich die Prickel-Effekte in wissenschaftlichen Studien nicht immer nachweisen lassen. Das ist auch nicht sonderlich erstaunlich. Aphrodisiaka erforscht man weniger in Studien als im eigenen Bett.

Auch Casanova soll zur Perfektion seiner Künste auf Champagner geschworen haben.

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Dennoch lässt sich über Alkohol als Liebestrank etwas sagen. Vor allem, dass der Grat ein schmaler ist, sich positive Wirkungen also nur bei geringen Mengen zeigen. Als psychotrope Substanz wirkt Alkohol in kleinen Dosierungen entspannend und enthemmend. Die Nervosität geht zurück, leichte Erregung kommt auf, und die gesteigerte Durchblutung mag sich auf die sexuelle Bereitschaft und Erektion auswirken. Bei grösseren Alkoholmengen kann der Effekt jedoch ins Gegenteil umschlagen, Frauen werden eher müde, bei Männern kann die Potenz nachlassen.

Zwar kann – theoretisch – jedes alkoholische Getränk verführen, doch Champagner ist das feierlichste aller Getränke. Champagner macht jeden Moment zum kleinen Fest im Alltag. Grazil zeigt er sich im Glas mit zierlich ge­­schwungener Perlage, kleine Kügelchen, die aus dem Nichts explodieren und einem schier unendlichen Strom gleichen. Champagner beobachten heisst, sich auf Ungewöhnliches zu konzentrieren, sich inspirieren zu lassen. Dazu kommt die feine – mitunter animalische – Note in der Nase, und das Prickeln im Mund steigert die Lust auf mehr sinnliche Genüsse. Ein bis zwei Gläser Sprudel führen bei vielen bereits zu angeregter bis euphorischer Stimmung. Auch Casanova soll zur Perfektion seiner Künste auf Champagner geschworen haben – ausserdem auf Suppen, Ragout, Rumpunsch und Austern.

Doch auch Champagner allein wird nichts bewirken. Das Ambiente und der Partner bzw. die Partnerin müssen schon stimmen, damit der Liebestrunk seinen Zauber entfalten kann. Schliesslich können Aphrodisiaka nur unterstützend wirken. Sie sind die Gewürze der Erotik. Verfeinern und kultivieren muss man selbst.

Aus dem Falstaff Magazin 08/16

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