Bordeaux en Primeur: Tag 9 von Ulrich Sautter

Baptiste Guinaudeau

© Ulrich Sautter

Baptiste Guinaudeau

© Ulrich Sautter

Am letzten Tag der diesjährigen Primeurwoche tut es wirklich weh, nochmal um halb sechs aufzustehen. Beim Frühstück werde ich dann jedoch schlagartig wach, als ich in Bordeaux’ Tageszeitung Sud Ouest auf eine Karte stosse, in der alle Schulen der Region markiert sind, die näher als 50 Meter an einer Rebfläche liegen. Letzten Mai nämlich musste sich im Ort Villeneuve in den Côtes de Blaye eine ganze Grundschulklasse wegen Übelkeit und tränender Augen in ärztliche Bahandlung begeben, weil ein rücksichtsloser Winzer während der Schulzeit gespritzt hatte – mit der Windrichtung zur Schule hin. Nun wird geprüft, welche gesetzlichen Massnahmen man treffen kann, um so etwas zu verhindern. Alleine im Bordelais gibt es dem «Sud Ouest» zufolge 128 Ortschaften, deren Schulen unmittelbar an einen Weinberg grenzen. Kein Wunder bei 100.000 Hektar Reben!

Ich bin die letzten Tage auch immer wieder an Rebflächen vorbeigefahren, die so aggressiv mit Herbiziden abgespritzt waren, dass ich mich schon gefragt habe, ob solchen Winzern eigentlich alles egal ist. Um nicht missverstanden zu werden: Die meisten Winzer pflegen einen verantwortungsvollen Umgang mit der Chemie, und immer mehr wenden sich sogar dem Bio-Anbau zu. Doch es gibt eben auch schwarze Schafe, die – sei es aus Unwissenheit oder Gleichgültigkeit – andere in Gefahr bringen, und sich selbst ja letztlich auch. Die Listigen unter ihnen pflügen nach dem Herbizideinsatz, so dass die blanke Erde an der Oberfläche liegt, das verdorrte Gras mit dem Gift aber unsichtbar bleibt – es sei denn, auch das Pflügen wird recht schlampig durchgeführt und verrät die Behandlung (wie auf dem angefügten Bild).

Listig, aber schliampig.

© Ulrich Sautter

Den Fall in Villeneuve hätte übrigens Bio-Anbau alleine nicht verhindert, denn ausgebracht wurde Netzschwefel, und der ist im Bio-Anbau ebenfalls zugelassen.

Aber nun zu Erfreulichem: Das begegnet mir an diesem Tag zuerst und über den ersten Moment hinaus am eindrücklichsten in Form von Baptiste Guinaudeaus Weinen auf Château Lafleur. Schon der einfache Bordeaux génerique des nahe Fronsac gelegenen zweiten Familienguts Grand Village schlägt einen Pflock ein: fruchtig, frisch, saftig, von natürlicher Balance – ein herrlicher Essensbegleiter für den Alltag. Der Grand Vin von Lafleur betont wie immer eher die stoffigen Seiten Pomerols – gerade in einem Jahr, das die Wucht favorisiert, setzt das einen wohltuenden Kontrapunkt. Zuletzt finde ich auch den Grand Villages blanc 2015 ausgezeichnet. Erstmals mehrheitlich von Sémillon gekeltert, hat dieser Wein Würze und Kern, dass es eine Freude ist. Er gefällt mir sogar besser als der «Les Champs Libres», der eigentlich höher angesiedelte Sauvignon-betonte Weisse aus dem Holzfass.

Dann muss ich mich sputen, um pünktlich zur Verkostung der Weine von Gérard Perse nach Château Pavie zu gelangen. Die letzten Jahre konnte man den Eindruck haben, dass die Weine des Guts etwas weniger massiv werden und mehr Zwischentöne zulassen. Dieses Jahr scheint mir der Stil aber wieder einen Schritt zurück gemacht zu haben, der Monbusquet beispielsweise zieht einem den Mund erst vom überextrahierten Gerbstoff zusammen und trocknet ihn danach durch den brandigen Alkohol aus. Mon Dieu – wann und wie soll das jemals reif werden? Viel besser gefällt mir der fein gewobene, schon im Duft mineralische Pavie Decesse. Auch Bellevue Mondotte und Pavie sind gute und mit erkennbar hohem Aufwand gemachte Weine – aber rechte Begeisterung will sich bei mir nicht einstellen.

Château Angelus

© Ulrich Sautter

Ähnlich geht es mir beim letzten Termin des Tages: auf Château Angelus. Der in der gutseigenen Hierarchie an vierter Stelle stehende Daugay gefällt mir ausnehmend gut, Bellevue lässt immerhin sehr viel Kalk erkennen, wenngleich er ein harter Brocken ist. Carillon d’Angelus ist mir zu weich und letztlich ein wenig unpointiert. Angelus selbst zieht alle Register: Das ist ein Wein mit Balance in der Fülle. Und er hat einen faszinierenden Gerbstoff, der sich im Gaumen fast schaumartig aufplustert. Verdutzt koste ich nochmal, und wieder stellt sich derselbe Effekt ein. Der Schweizer Kollege Jean Solis hat den Angelus auch gerade im Glas und findet ihn ebenfalls gut. Aber er macht auch einen Einwand: «Ausone und Cheval blanc, das ist einfach eine andere Liga. Man hätte die Premiers Crus Classés ‹A› nicht antasten dürfen bei der letzten Überarbeitung des Classements.»Ich verabschiede mich von Solis – «à l’année prochaine» – und lasse auf der Rückfahrt zum Flughafen Mérignac nochmal die neun Tage Revue passieren. Dabei stosse ich auf mehr Fragen als Antworten. Was will ich selbst kaufen und welche Preise bin ich bereit zu bezahlen? Haben wir nun einen grossen Jahrgang verkostet oder nur einen sehr charmanten und für sich einnehmenden?Die eine oder andere Antwort auf diese Fragen – oder zumindest einen Fingerzeig  – werden die statistischen Daten liefern, die ich von den Verkostungen mitgebracht habe. Rund 400 Weine habe ich nach rund 20 verschiedenen sensorischen Dimensionen mit Zahlen beschrieben, macht 8000 Felder in einer Excel-Tabelle. Auf die Analysen und auf die Erkenntnisse, die sie – hoffentlich! – bringen, freue ich mich schon. Doch das wird etwas daueren. Zuerst muss ja alles Liegengebliebene nachgearbeitet werden. Ein erstes Resümee aber werde ich ebenso wie der geschätzte Kollege Peter Moser bereits am Wochenende schreiben, am Montag den 11. April finden Sie diese Texte auf den Falstaff-Websites aller drei Länder online.

Ulrich Sautters ausführliche Jahrgangsanalysen finden Sie ab Ende April/Anfang Mai auf www.weinverstand.de.

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