Bordeaux En Primeur: Tag 8 und 9 von Peter Moser

Cos d'Estournel

© Peter Moser

Cos d'Estournel

© Peter Moser

Gleich um 9.00 morgens hatte ich gestern ein Rendezvous mit Christian Moueix und seinen extrafeinen Weinen. Hier jene drei, die auch ich sehr gerne im Keller hätte: Clos Saint-Martin, Hosanna und Trotanoy.

Nach J.P. Moueix schnell zu Château Le Gay, wo mit La Violette ein weiteres Pomerol-Highlight wartetet. Next Stop: der mythische Pétrus, auch in diesem Jahr präzise und elegant, ein grosser facettiert geschliffener Pomerol, der kaum Wünsche offen lässt. Danach ein Sprung zu Figeac, wo das junge Team einen blitzsauberen, cabernetgeprägten Wein präsentiert und schliesslich wieder zurück ins Pomerol zu Denis Durantou, dessen L'Eglise-Clinet einmal mehr zu den Jahrgangsbesten gehört. Aber auch sein Les Cruzelles aus Lalande de Pomerol ist eine ausdrückliche Empfehlung wert.

Der Besuch auf Cheval Blanc, wo ich mit dem Winemaker Pierre Olivier Clouet probierte, war ein nächster Höhepunkt, anschiessend durfte ich mit der Kellermeisterin von Yquem, Sandrine Gebelle ein zweites Mal nach Montag die Feinheiten des sehr überzeugenden 2015er Süssweines ergründen. Im Anschluss erfolgte der Besuch bei Stephane Graf Neipperg, dessen sehr gelungener Canon-La-Gaffelière nur von La Mondotte überragt wird.

Den Abschluss meiner intensiven Verkostungen am rechten Ufer bildete der Termin auf Château Ausone, wo man sich in diesem Jahr über eine Rekordmenge an Flaschen beim Grand Vin freut: stolze 21.000 Flaschen! Von diesem wahren Kunstwerk kann es gar nicht genug geben. Alain und Tochter Pauline Vauthier zeigten eine rundum gelungene Palette einschliesslich der Neuakquisition La Clotte. Der Tipp für weniger betuchter Weinkenner ist Moulin Saint-Georges.

Nach eineinhalbstündiger Fahrt ins Médoc zurückgekehrt finde ich mich auf Château Belgrave im Verkostungssaal des Handelshauses CVBG ein, wo über einhundert Weine bereit stehen und mir die Möglichkeit geboten wird, den einen oder anderen Wein nachzuholen. So werden in zweistündiger Verkostung noch Lücken im Degustationsprotokoll geschlossen, bevor es weiter in den Norden geht, wo ich in Begadan vor dem Abendessen mit Stefan Paeffgen noch die Weine des Newcomers Le Reysse und Clos du Moulin probieren darf.

Abschluss der En Primeur-Kampagne

Winemaker Vincent Millet

Peter Moser

Der letzte Verkostungstag begann mit einer Überraschung. In der Nacht hatte es im nördlichen Médoc unter Null, es hiess zunächst das Eis von der Windschutzscheibe entfernen. Am Programm standen die drei grossen St. Estèphes und als erster Halt stand Calon-Ségur am Programm. Gemeinsam mit Winemaker Vincent Millet konnte ich in aller Ruhe diesen feinen Wein ausloten. Mit seinem moderaten Alkohol und enormen Tiefgang erinnert das an die klassischen «Clarets» der alten Tage.

Auch auf dem wunderbar renovierten Château Montrose herrschte bei meinem Besuch noch morgendliche Ruhe im Verkostungsraum direkt vor der Kulisse des Grand Chai, der die Dimensionen eines Opernhauses hat. Einladend hier der bürgerliche Tronquoy-Lalande, aristokratisch der Grand Vin von Montrose selbst.

Château Montrose

© Peter Moser

Last, but not least Cos d'Estournel. Gemeinsam mit Guts-Chef Aymeric de Gironde und Winemaker Dominique Arangoits probiere ich einen würdigen Abschluss der diesjährigen En Primeur-Kampagne, die bei Lafleur begonnen und nun mit Cos ihre Ende findet. Hier wurde penibel selektioniert, schliesslich fanden nur 37 Prozent der Ernte den Weg in den Topwein. Und dieser verdient sich diese Bezeichnung mit grosser Eleganz und Länge. Noch schnell den Gaumen mit dem gelungenen weissen Cos poliert – nun geht es zum Flughafen Mérignac und nach acht ereignisreichen Tagen wieder zurück in die Heimat.

Erstes Fazit

Der Jahrgang 2015 bietet grundsätzlich in jeder Appellation sehr gute Weine, darunter auch solche, die man als Gross bezeichnen darf. Das rechte Ufer bietet eine grössere Dichte an Topweinen, auch in Pessac-Léognon zeigt sich die Qualität recht homogen. Im Médoc herrschten recht unterschiedliche Bedingungen. Hier heisst es sehr genau hinschauen. Die Einschätzung, dass die Weine immer schwieriger werden, je weiter man in den Norden kommt, teile ich nicht. Auf den besten Terroirs in St. Estèphe sind meiner Meinung nach einige der spannendsten Weine im klassischen Sinne erzeugt worden. Wer Kraft und Schokolade schätzt wir am rechten Ufer fündig, wer Struktur, Finesse und Leichtfüssigkeit schätzt, wird einige Vertreter des linken Ufers lieben müssen. Da auch die Süssweine sehr gut ausgefallen sind, kommen Liebhaber jedweden Weinstiles mit 2015 auf ihre Rechnung.

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