Christian (r.) und Edouard (l.) Moueix / © Ulrich Sautter
Christian (r.) und Edouard (l.) Moueix / © Ulrich Sautter

Beim Frühstück blättere ich durch die Tageszeitung Sud Ouest. Im Regionalteil Bordeaux warnt der Präsident des einflussreichen Négoce-Hauses Vintex, Patrice Renard, der Jahrgang 2015 sei »eine der letzten Chancen, die Primeurs zu retten«. Er weist darauf hin, dass es einzig den niedrigen Zinsen zu verdanken sei, dass der Bordeauxmarkt nicht längst aufgrund der hohen Lagerbestände implodiert sei.

Danach geht es wieder ans Rive Droite. Der Tag beginnt auf Petrus, wo ich einen öligen, geradezu wollüstigen Wein im Glas finde.

Olivier Berrouet, Winemaker von Château Petrus / © Ulrich Sautter
Olivier Berrouet, Winemaker von Château Petrus / © Ulrich Sautter

Das ist schon grossartig, leider unerschwinglich. Olivier Berrouet, der Weinmacher, ist umlagert von begeisterten Händlern und Journalisten. Danach ziehe ich ein Haus weiter zu Cheval blanc, wo ich mit Staunen erfahre, dass es dieses Jahr keinen Zweitwein geben wird. Von 45 Parzellen für Petit Cheval seien 41 so gut gewesen, dass man ihren Wein in den Grand Vin assembliert habe, zwei Parzellen lägen brach, und der Ertrag weiterer zwei Parzellen werde als Offenwein verkauft. Es dürfte ein Novum in der Geschichte Bordeaux’ sein, dass ein Zweitwein ausfällt.

Danach fahre ich weiter nach Libourne zu Jean Pierre Moueix. Auch hier gibt es Neuigkeiten: das kleinste Cru Classé Saint-Émilions (nur 1,5 Hektar), den Clos Saint Martin. Sehr mineralisch! Nach insgesamt 14 Weinen inklusive Trotanoy und Belair Monange trete ich aufs Gaspedal, denn mein nächster Termin ist in Pessac bei Haut-Brion. Das Navigationsgerät zeigt Stau auf dem äusseren Ring von Bordeaux’ Stadtautobahn »Rochade« an, also wechsle ich auf die Gegenrichtung in den inneren Ring, doch wie es natürlich kommen muss: Auch da scheint es irgendwo gekracht zu haben, und irgendwann geht es nur noch im Schrittempo weiter. Zum Glück löst sich der Stau nach einer Viertelstunde dann doch schnell auf, sodass ich grade noch pünktlich zur Verkostung komme.

Nach Haut Brion, wo ich mir den Zweitwein Le Clarence de Haut Brion dick angestrichen habe, beschliesse ich, nach einer Bäckerei Ausschau zu halten, um ein schnelles Sandwich zu mir zu nehmen. Und ich finde einen dieser wunderbaren mit »Boulangerie artisanale« angeschriebenen Läden, in denen noch wirklich selbst gebacken wird. Allein die Theke mit den Broten ist sechs Meter lang, und ebenso gross ist die Auswahl an Patisserie. Vive la France!

Boxenstopp in einer »Boulangerie artisanale« / © Ulrich Sautter
Boxenstopp in einer »Boulangerie artisanale« / © Ulrich Sautter

Boxenstopp in einer »Boulangerie artisanale« / © Ulrich Sautter

Vom Süssen lasse ich aber die Finger und begnüge mich mit einem Schinkensandwich, dann geht es weiter zu Pape-Clement, und von dort zu Haut Bailly und zu Smith Haut Lafitte. Und von dort wiederum weiter nach Barsac zur Verkostung der Union des Grands Crus auf Château Coutet. Die Sauternes und Barsac des Jahrgangs 2015 sind eher breit angelegte, cremige Weine. Manchen fehlt die Säure, vielen fehlt es an Frucht und Länge. Die bereits zirkulierende Meinung, 2015 sei für alle Weintypen, für rot, weiss und liquoreux gleichermassen gut, kann ich nicht nachvollziehen. Für Sauternes ist es ein durchschnittliches Jahr mit ein paar sehr guten Weinen.

Von der Probe auf Coutet, wo 26 Weine anstehen, fahre ich noch zu Château Climens, wo man jedes Jahr dazu eingeladen wird, die verschiedenen Kelterungen direkt vom Fass zu probieren. Berenice Lurton möchte sich mit dem assemblieren der Weine Zeit lassen – daher sieht sie sich ausserstande, schon so bald nach der Lese ein einzelnes repräsentatives Verkostungsmuster zur Verfügung zu stellen. Stattdessen kann man die einzelnen Steinchen des späteren Mosaiks probieren – sehr spannend.

Im Keller von Château Climens: Jedes Jahr gibt es 15-20 verschiedene Kelterungen. Auf dem Fass ist notiert, aus welchem Trie, also welcher Leseperiode, und von welchem Lesetag der betreffende Wein stammt (meist ist sogar die Tageshälfte angegeben). Weiter steht auf dem Fass, wieviel Alkohol der Wein hat plus welches Alkoholpotenzial in Form von Restsüsse vorliegt. Last not least gibt eine Prozentzahl an, welchen Anteil an der Gesamtmenge die betreffende Partie besitzt. / © Ulrich Sautter
Im Keller von Château Climens: Jedes Jahr gibt es 15-20 verschiedene Kelterungen. Auf dem Fass ist notiert, aus welchem Trie, also welcher Leseperiode, und von welchem Lesetag der betreffende Wein stammt (meist ist sogar die Tageshälfte angegeben). Weiter steht auf dem Fass, wieviel Alkohol der Wein hat plus welches Alkoholpotenzial in Form von Restsüsse vorliegt. Last not least gibt eine Prozentzahl an, welchen Anteil an der Gesamtmenge die betreffende Partie besitzt. / © Ulrich Sautter



Der Abend klingt aus beim Eröffnungsdinner der Union des Grands Crus auf Château Fieuzal. Olivier Bernard, der Präsident der UGCB, wiederholt in seiner Anspache nochmal die Argumente dafür, dass es in Zukunft keine Blindproben mehr geben wird: Auf den Châteaux, die wir Journalisten vor Ort besuchen gehen, würden wir ja auch nicht blind probieren. Das heisst wohl, dass er blind verkostete Weine grundsätzlich für zu schlecht bewertet hält. Auch an den Tischen bleibt das dann zumindest noch während der Vorspeise Gesprächsthema.

Inhaltlich mag man zu Blindproben stehen wie man will – aber eines ist auf jeden Fall klar: Die Nerven scheinen bei manch einem Akteur in Bordeaux blank zu liegen.

Ulrich Sautters ausführliche Jahrgangsanalysen finden Sie ab Ende April/Anfang Mai auf www.weinverstand.de.

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