Bordeaux en Primeur: Fazit von Ulrich Sautter

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Um mit der Tür ins Haus zu fallen: Ich halte 2015 für einen guten bis sehr guten, aber im Allgemeinen nicht für einen grossen Jahrgang. Zwar sind einzelne Weine gross – und die besten Güter haben dermassen homogene Qualitäten geerntet, dass ihre Zweitweine so nahe am Grand Vin liegen wie vielleicht noch nie. Es ist kein Zufall, dass Cheval blanc sogar ganz auf die Produktion eines Zweitweins verzichtet. Das scheint meiner einleitenden Einschätzung zu widersprechen.

Doch es bleiben folgende Bedenken: Die pH-Werte vieler Weine liegen ziemlich hoch, bei 3,8 und regelmässig auch höher. Hinsichtlich der Reifefähigkeit weckt das Zweifel. Dazu passt die »leckere« Anmutung, die manch ein Fassmuster hinterlassen hat. Nicht immer, aber oft ist diese Zugänglichkeit ein Ausdruck von Strukturarmut. Erschwerend kommt hinzu, dass viele Güter den ausladenden Jahrgangstyp zusätzlich mit später Lese und wahrscheinlich auch mit kellertechnischen Methoden in Richtung Süsse und Cremigkeit getrieben haben, um dem asiatischen Geschmack – oder dem, was man dafür hält – entgegen zu kommen.

Am anderen Ende des stilistischen Spektrums stehen – vor allem am rechten Ufer – viele Weine, die sich nahe der Überextraktion bewegen. Dicke Beerenschalen infolge des trockenen Sommers und hohe Alkoholgrade haben offenbar manchen Winzer bei der Kelterung überrascht. Zudem fehlt es vielen Weinen kleinerer Châteaux auf eklatante Weise an Frucht.

2015: Ein komplizierter Jahrgang

Dennoch gibt es unter den Weinen von B- und C-Terroirs einige hervorragende Weine. 2015 ist einfach ein komplizierter Jahrgang. Denn auf den tieferen Böden hat die Trockenheit des Sommers den Vegetationsverlauf weniger blockiert als auf den eigentlich besseren Böden mit höherem Skelettanteil. Wo die Böden dennoch genug drainieren konnten, um die herbstlichen Regentage wegzustecken, sind Weine von jahrgangsuntypischer Frische und von einer im besten Sinn klassischen Struktur entstanden.

Gut Ding braucht Weile

Ich teile nachdrücklich die vom Kollegen Peter Moser in seinem Bericht von Tag 8/9 der Primeurwoche geäusserte Meinung, dass Saint Estèphe und das nördliche Médoc völlig zu unrecht als Verlierer des Jahrgangs gelten. Sicher, es gibt dort einige dünne Weine. Aber die besten Saint Estèphes und einige Médoc-Weine wie La Tour de By und Potensac oder der nördliche Haut-Médoc Sociando Mallet werden nach zehn oder 20 Jahren wahrscheinlich zu den erfreulichsten Entdeckungen im Keller gehören. Pauillac und Saint Julien liegen global gesehen dieses Jahr vielleicht ein klein wenig hinter Margaux, aber die bekannten Namen waren eigentlich alle erfolgreich. Fast durchwegs gut sehe ich auch Pessac-Léognan.

Am rechten Ufer sind die Weine vom Kalkplateau Saint-Émilions eine Klasse für sich. Der Kalk hat es während der sommerlichen Trockenheit ermöglicht, die Frische zu bewahren. In Pomerol steht Petrus nach meinem Dafürhalten so turmhoch über seinen Nachbarn wie lange nicht mehr.

Durchwachsene Weissweine

Die Weissweine finde ich sehr durchwachsen, vielen fehlt es an Nerv und Spannung. Die vins liquoreux zeigen das Dilemma des Jahrgangs besonders prägnant: Manche haben eine flache, manche eine intensiv grüne Säure. Selbst einigen der Besseren fehlt es an aromatischem Volumen. Aber auch hier muss man differenzieren: Yquem ist dicht und voll und hat dennoch Spiel – zweifellos einer der besten Yquem der letzten zehn Jahre. Die Verfolger sind Climens, de Fargues und Suduiraut.

Bleibt die Frage nach den Preisen. Allgemein erwartet wird, dass die Premiers 20 bis 30 Prozent aufschlagen werden. Sie und Raritäten wie Petrus werden vermutlich unabhängig vom Preis rasch ausverkauft sein, auch wenn Preise oberhalb des Niveaus von 2009 und 2010 nach meinem Dafürhalten nicht gerechtfertigt sind.

Kein Grund zur Kaufpanik

Im Allgemeinen gibt es indes keinerlei Grund für eine Kaufpanik. Bei geschickter Auswahl wird es auch im mittleren Preisbereich zwischen 15 und 40 Euro viele Weine geben, die den Jahrgang nahe seines Optimums zeigen. Auch war 2015 eine mengenmässig normale bis gute Ernte. Die Erträge liegen verbreitet um die 40 hl/ha, zuweilen sogar darüber. Last not least sollte man sich vor einer Subskription auch fragen, ob einem der mollige, alkoholkräftige, tendenziell eher runde und weiche Jahrgangstyp wirklich zusagt. Einen Vorteil der 2015er sollten indes auch die Liebhaberinnen und Liebhaber des klassischen Stils nicht übersehen: Mit ihrer verführerischen Zugänglichkeit können die 2015er dabei helfen, das Warten auf reifebedürftigere Jahrgänge wie 2008, 2009 und 2010 zu überbrücken.

Ulrich Sautters ausführliche Jahrgangsanalysen finden Sie ab Ende April/Anfang Mai auf www.weinverstand.de.

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