Bordeaux: Der exklusivste Marktplatz für Nobelweine

© Patrik Faigenbaum

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Die Primeurs, also die alljährliche Verkostung der Jungweine für den Subskriptionsverkauf, lockte in der Vor-Covid-Zeit bis zu 5000 Fachleute an die Gironde und auf die Weingüter. Ein halbes Jahr später, im August, erfolgt eine weitere Vorverkos­tung – und diese sehr diskret.

Bei dieser stehen allerdings keine edlen Weine aus den unterschiedlichen Regionen des Bordelais auf dem Programm, sondern Kostbarkeiten aus der ganzen Weinwelt.
Die führenden Weinhandelshäuser in Bordeaux haben nämlich in aller für sie typischen Stille neben dem Topsegment der Bordeaux-­Weine ein weiteres Geschäftsfeld aufgetan: den Vertrieb von Spitzenweinen aus aller Welt.

Noch bis zum Jahr 1998 wurde von den «négociants» des Place de Bordeaux kein Wein gehandelt, der nicht in der Weinbauregion seinen Ursprung hatte. Der chilenische Almaviva, Jahrgang 1996, machte den Anfang, kann also heute mit dem Begriff »Game Changer« bezeichnet werden.

Der Almaviva, ein Joint Venture zwischen Baronin Philippine de Rothschild von Château Mouton-­Rothschild und dem chilenischen Spitzenweingut Concha y Toro, hat – so wie viele andere der rund 50 internationalen Ultrapremiumweine, die heute für gewisse Märkte wie Europa oder China exklusiv über den Marktplatz Bordeaux vertrieben werden – eine direkte oder indirekte Verbindung mit der Bordelaiser Wein­wirtschaft.

Auch der Opus One aus Kalifornien, ebenfalls ein Rothschild-­Joint-Venture, geht seit 2004 den Weg über Bordeaux, wenn es um den Vertrieb der Napa-Valley-Ikone außerhalb der USA geht.

Mittlerweile ist es eine Frage der Ehre für Spitzengüter, ihre Topweine über die französische Weinmetropole zu distribuieren – und dabei setzt man auf das Spitzenpersonal der weltweit führenden Wein­handelshäuser mit Sitz Bordeaux, wie etwa CVBG, Duclos, Grands Chais de France oder Joanne.

Neben rund fünf Millionen Top-Bordeaux lagert bei Joanne auch eine Vielzahl internationaler Spitzenweine.

© Foto beigestellt

Die wiederum ihrerseits mit den besten Weinhändlern in mehr als 170 Ländern weltweit kooperieren. Dank der Expertise, die «La Place» im Subskriptionsvertrieb der großen Namen aus Bordeaux entwickelt hat, können auch die internationalen Spitzenproduzenten darauf vertrauen, dass ihre Ikonen am Ende des Tages jenen Weinliebhabern und Sammlern angeboten werden, die sich das Beste vom Besten im Glas leisten wollen und können.

«Es ist eine klare Win-Win-Situation», erklärt Jean-Quentin Prats, der Direktor von Joanne Rare Wines, «denn die führenden Vertreter des Négoce in Bordeaux sind in allen wichtigen Märkten mit kompetenten Teams vor Ort.» Der Familienbetrieb Joanne zählt zu den Big Playern im Weingeschäft, auf rund 18.000 Quadratmetern lagern unweit von Bordeaux etwa fünf Millionen Flaschen exquisiter Herkunft unter Idealbedingungen.

Zunächst erschien den traditionsreichen Händlern der zusätzliche Vertrieb von ausländischen Weinen dabei eher als Gefälligkeit. Erst in den letzten Jahren wurde vor allem dank enormer Nachfrage in Asien erkannt, dass man es mit einem sehr dynamischen Segment zu tun hat. «Der Vorteil für den Kunden liegt ganz klar darin, dass er nun auch kleine Mengen von einem tollen Wein bestellen kann, ohne dass er gleich das gesamte Sortiment eines Weinguts impor­tieren müsste», so Prats.

«Die Ikonen, von denen es oft nicht allzu viel gibt, können so international viel breiter aufgestellt werden. Und durch unsere Expertise kommen sie auch in die Hände der richtigen Kunden.» Und so wächst die Liste jener Produkte, die der Fachhandel direkt aus Bordeaux beziehen kann, Jahr für Jahr.

Aktuell werden Weine aus Italien, Spanien, ­Frankreich, aber auch aus der Neuen Welt wie USA, Chile, Argentinien, Südafrika und Australien gehandelt. Durch das gut geschulte Verkaufspersonal in oft weit entfernten Märkten gelingt es Weingütern ohne großen Aufwand, Interessenten in Ländern zu erreichen, die sie selbst nie servicieren könnten. Das macht den Vertrieb über Bordeaux auch für die berühmtesten Erzeuger der Welt interessant.

«Jene Kunden, die sich Château Pétrus leisten können, sind ident mit jenen, die sich auch für Opus One oder Masseto interessieren», ist Ornellaia-­Chef Axel Heinz aus der ­Toskana sicher, der seine Kultweine außerhalb von Italien und den USA exklusiv über Bordeaux verkauft. «Masseto war 2008 der erste italienische Wein, der diesen Weg beschritten hat. Und wir müssen uns über die Zuteilung der Weine nicht mehr den Kopf zerbrechen.»

Nicht weniger als 35 Weine aus Italien hat Joanne Rare Wines für sein Sortiment 2021 gelistet, und Jean-Quentin Prats sieht weiteres Potenzial. »Speziell in Asien verspüren wir seit Kurzem neben der Nachfrage für die Blue Chips aus Bolgheri einen Trend hin zu Klassikern wie Brunello di ­Montalcino.

Es ist nur eine Frage der Zeit, dass auch die ersten Piemonteser auf unserer Liste stehen.« Erstmals wird dieses Jahr auch ein Wein aus Spanien exklusiv angeboten. Kultwinzer Telmo Rodríguez hat sich entschlossen, seinen neuen Luxus-Rioja Yjar in die Hände der Vertriebsexperten aus Frankreich zu legen. Auch der australische Gigant Penfolds wagt erstmals einen Versuch mit dem BIN 169 aus Coonawarra. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis auch Weine aus Deutschland oder Österreich den Spurt in die Preislisten in Bordeaux schaffen.


Peter Moser verkostete die 10 internationalen Novitäten am Platz Bordeaux, alle Verkostungsnotizen finden Sie hier:

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