Bordeaux 2014: Die Zweitweine

Auf Château Palmer betont man stets mit Nachdruck, dass der Zweitwein eine andere, aber sehr nuancierte Interpretationsweise des Terroirs sei.

© Antoine Vincens de Tapol

Auf Château Palmer betont man stets mit Nachdruck, dass der Zweitwein eine andere, aber sehr nuancierte Interpretationsweise des Terroirs sei.

© Antoine Vincens de Tapol

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Zweitwein ist nicht Zweitwein, nein, auch hier herrschen klare Klassenunterschiede. Nimmt man nur die Deuxièmes Vins der bekannten Crus classés aus dem Médoc, so variieren die Letztverbraucherpreise irgendwo zwischen ca. 20 und 320 Franken. Letzteres ist aktuell für den «Primus inter Pares» unter den Zweitweinen zu berappen, den Les Forts de Latour aus dem Spitzenjahrgang 2010. 

Gut, den hat Guru Robert Parker höchstpersönlich mit 97 Punkten bewertet und damit über eine erkleckliche Anzahl zu sehr guten Jahrgängen des Grand Vin gesetzt, und schliesslich will mancher Oligarch auch ein standesgemässes Getränk zum Personalessen servieren lassen. Generell bewegen sich die Preise für sehr gute Zweitweine der klassifizierten Gewächse eher in vernünftigen Gefilden, und es gibt tatsächlich noch Exemplare, die man mit einiger Berechtigung als Preis-Leistungs-stark bezeichnen kann, ohne dafür ausgelacht zu werden. 

Stete Entwicklung bei der Produktion

Es gibt innerhalb der Zweitweine verschiedene Kategorien, die sich aus einer unterschiedlichen Herangehensweise der Weingüter an das Thema erschliessen. Dazu muss man auch die Entwicklung in den letzten Jahrzehnten eingehender betrachten. Wenn man das Jahr 1982 als historischen Wendepunkt bei der Art, wie man in den Weingärten, aber auch im Keller arbeitete, ansieht – Mengenbeschränkung durch mehr Laubarbeit und Grünernte, verstärkter Einsatz von neuen Barriques und vieles mehr – und nachsieht, wie wenige Zweitweine es damals gab, wird mancher staunen. Oftmals wurde diese Idee erst von externen Beratern angeregt, allen voran von Michel Rolland, der darin ein starkes Vehikel zur Verbesserung der oft noch brustschwachen «Grands Vins» erblickte. 

Man begann, die Fässer bereits im Keller genauer zu selektionieren, und so fiel mehr Material an, das man nicht unbedingt im Erstwein des Hauses haben wollte. Schliesslich orientierten sich die neuen Konsumenten immer stärker an den Punkten von Robert Parker. Dessen Präferenz vermuteten die Önologen und Propriétaires eher bei stoffigen, extraktreichen und kräftigeren Weinen. Um die wachsenden Mengen an ausgemusterten Weinen nicht als Fasswein billig an Händler abgeben zu müssen, griff man bereitwillig die Idee des Zweitweines auf, für den man auch noch gutes Geld bekam. 

Château  Léoville-Barton: Seit Jahren gilt «La Réserve de Léoville-Barton» als einer der sichersten Tipps unter den Zweitweinen. Der Wein kommt aus Trauben der jüngeren Weingärten der beiden Barton-Weingüter Langoa und Léoville.

Foto beigestellt

So kommt es, dass heute jedes klassifizierte Weingut im Médoc einen Zweitwein hat. Die einzigen Ausnahmen sind d’Armailhac, Léoville-Barton und das Schwesterweingut Langoa-Barton, sie teilen sich den Zweitwein Réserve de Barton. Pichon-Baron hat hingegen zum Ausgleich mit Les Griffons de Pichon und Les Tourelles de Longueville gleich zwei Zweitweine.

Viele bekannte Güter haben aber auch Flächen in ihrer Appellation dazugekauft und ihrem Cru classé einverleibt. So hat das bekannte Château Montrose, ein Deuxième Cru Classé in St.-Estèphe, im Jahr 2010 vom Cru Bourgeois Château Phélan Ségur stattliche 22 Hektaren erworben. Heute beträgt der Anteil des Zweitweines La Dame de Montrose (seit 1986) an der Gesamtproduktion rund 30 Prozent, der Wein wird ein Jahr lang in gebrauchten und neuen Barriques ausgebaut. Damit, dass im Top-Jahrgang 2010 auch noch erstmals ein Drittwein, Le Saint-Estèphe de Montrose, abgefüllt wurde, folgt Montrose dem Vorbild von Château Latour, das neben seinem Les Forts de Latour bereits seit 1990 den Drittwein Pauillac de Latour erzeugt.

Château Montrose: Der feinwürzige Zweitwein «La Dame de Montrose» wird nach den gleichen rigorosen Qualitätsstandards erzeugt wie der Grand Vin, zeigt aber mehr Frucht und weniger Komplexität. La Dame de Montrose wird seit 1986 erzeugt.

© Hevre Fabre

Während selbst die Premiers Crus 2015 in der Subskription erstmals nicht die gesamte angebotene Menge losschlagen konnten, waren die Zweitweine deutlich überzeichnet. Wie stark die Nachfrage nach den Top-Zweitweinen gestiegen ist, lässt sich aus der Aussage eines Händlers erschliessen, der etwas genervt konstatierte: «Früher war man gehalten, eine ganze Ladung Zweitwein zu nehmen, um an den Grand Vin heranzukommen. Heute ist es umgekehrt. Nur wer entsprechende Mengen des Erstweines kauft, darf auch mit einer gewissen Menge des leicht verkäuflichen Zweitweines rechnen!»

Tradition bei Margaux

Bei Château Margaux hat die Produktion eines «2. Vins» eine jahrhundertelange Tradition, die bis ins 17. Jahrhundert zurückreicht. In der Zeit nach einer Reblausattacke mussten die Weingärten grossteils neu ausgepflanzt werden und brachten nicht die Qualität für den Grand Vin. Margaux bezeichnete die Qualitäten aus diesen Trauben auf dem Etikett und in den Preislisten gewissenhaft mit «2. Vin». Mit dem Jahrgang 1906 kam dann der erste Zweitwein mit dem Namen «Pavillon Rouge du Château Margaux» heraus. Auch auf Château Margaux hat sich das Verhältnis zwischen Grand Vin und Zweitwein kräftig verschoben. In den Achtzigern war eine Produktion von 20.000 Kisten Grand Vin an der Tagesordnung, heute sind es bestenfalls 12.000 Kisten, also rund 40 Prozent der Produktionsmenge. Dafür gibt es heute 16.000 Kisten von Pavillon Rouge und seit 2009 einen Drittwein namens Margaux de Margaux.

Château Calon-Ségur: Große Trinkfreude und bestes Preis-Leistungs-Verhältnis besitzt der «Marquis de Calon», der unter den neuen Besitzern auch optisch ein Facelifting erhalten hat. Durch und durch ein klassischer Saint-Estèphe.

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Luxuswein bei Latour

Der Les Forts de Latour ist ein Urgestein unter den Zweitweinen, seine Premiere hatte er 1966. Bis 1990 gab es ihn nur in manchen Jahren, seither regelmässig. Der Wein wird aus Trauben erzeugt, die aus Latour-Weingärten kommen, die ausserhalb des Enclos liegen. Für den Grand Vin, zu 100 Prozent im neuen Holz geschult, kommt aber bei Latour nur Material aus dem «L’Enclos» infrage, das 47 Hektaren grosse Herzstück der Weingärten. Daher macht der Grand Vin nur rund ein Drittel der produzierten Weinmenge aus, und die Menge des Zweitweines, etwa 50 Prozent im neuen Holz, ist beträchtlich. Und damit erklären die Verantwortlichen auch die entsprechend hohen Preise in der Kategorie «Luxus-Zweitweine» und in einem Atemzug auch jene der Grands Vins. Und wie der Grand Vin von Latour kommt auch der Les Forts de Latour erst mit einer verlängerten Reife auf der Flasche auf den Markt und kann ebenso nicht mehr in Subskription gekauft werden. Bei Mouton-Rothschild wurden die deklassierten Fässer lange über den Mouton-Cadet vermarktet, 1993 wurde schliesslich ein echter Deuxième Vin präsentiert, der den etwas unspektakulären Namen «Le Second Vin de Mouton Rothschild» trug, den man 1994 rasch auf «Le Petit Mouton de Mouton Rothschild» änderte.

Château Lynch-Bages: Im Jahre 1976 erwarb die Familie Cazes das benachbarte Château Haut-Bages Averous, dessen Name bis 2007 für den Zweitwein verwendet wurde. Seit 2008 heisst dieser elegante Pauillac nun Echo de Lynch-Bages.

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Teurer Little Lafite

Château Lafite-Rothschild erlebte in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrzehntes einen unerhörten Boom auf dem chinesischen Markt, die Preise des Grand Vin schnellten in nie erreichte Höhen. Im Fahrwasser dieser Entwicklung explodierte der Preis für den «Little Lafite», den Zweitwein «Carruades de Lafite». Zeitweise übertraf der Verkaufspreis sogar jenen von anderen, in China nicht so nachgefragten Premiers Crus Classés. Und das ist im Grunde einigermassen seltsam, wenn man sich die entsprechenden Bewertungen des Weines durch die Kritiker ansieht. Nur zwei Jahrgänge – nämlich die Jahrtausendweine aus 2009 und 2010 – schafften eine Bewertung, die höher als 91 Punkte lag, im Durchschnitt der letzten 30 Jahre rangiert Carruades unter 90. 

Das war alles gut, solange der Endverbraucherpreis passte. Etwa umgerechnet 20 bis 35 Franken bis Ende der Neunzigerjahre, ca. 65 Franken für 2005. Aber dann ging es ab mit der Post. Schaut man heute in den Preisindex von wine-searcher.com, dann kostet ein 1997er netto im Durchschnitt ca. 250 Franken, der 2007er ca. 320, der 2009er 280 und der 2013er lediglich ca. 200 Franken. Für die aktuelle Subskription des Jahrgangs 2015 liegt der Preis bei ca. 170 Franken. Der Grand Vin von 2015 kostet zum Vergleich das Dreieinhalbfache, rund 600 Franken. Und das ist genau der Punkt, an dem die Bordeaux-Freunde heute stehen: Live-ex hat es im Oktober 2016 für die Premiers Crus Classés nachgerechnet. Im Juli 2007 konnte man für den Gegenwert einer Flasche Grand Vin rund 6,6 Flaschen des Zweitweines erwerben. Heute bekommt man die Hälfte, also 3,3 Flaschen. Die positive Seite: Wer diese Weine als Investment gekauft hat, erlebte seit 2009 einen Wertzuwachs von fast 30 Prozent gegenüber knapp 21 Prozent bei den Premiers Crus. Tröstlich – aber wer kauft -Zweitweine zum Spekulieren? Sind jetzt nur mehr die Drittweine zum Konsumieren gedacht? Nein, keineswegs, denn man findet sehr wohl eine erkleckliche Anzahl von Zweitweinen aus bestem Hause für vernünftiges Geld. Das hat auch die Falstaff-Verkostung der Zweitweine aller Grands Crus Cclassés aus dem Médoc des Jahrgangs 2014 deutlich gemacht.

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Aus dem Falstaff Magazin Nr. 02/2017.

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